Rückblick

Franziskanisches Frühjahrssymposium
12. Mai 2010, Seminarhaus St. Klara

Sr. Elsbeth Berghammer, Geschäftsführerin der TAU.GRUPPE.VÖCKLABRUCK, meinte in ihrer Begrüßung: „Wir leben in einer Zeit des langen Lebens, wir werden immer älter, das bedingt ganz neue Herausforderungen im Umgang mit den Älteren. Viele tun sich schwer mit der Errungenschaft des Alters umzugehen. Wir empfinden das Alter als ambivalent.“ Grußworte sprachen Martin König, Obmann der ARGE Alten- und Pflegeheime OÖ, Stadträtin Mag. Dr. Elisabeth Kölblinger und LAbg. Roswitha Bauer. Besonders begrüßte Sr. Elsbeth den Hauptreferenten Prof. Dr.Dr. Reimer Gronemeyer, Theologe und Soziologe, Professor für Soziologie an der Universität Gießen, Vorsitzender des Vereins „Aktion Demenz ev – Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz“ und Facharzt Dr. Eduard Dunzinger, der auch im APH St. Klara tätig ist.



Prof. Dr.Dr. Reimer Gronemeyer
Ist Altern eine Krankheit?

In Mitteleuropa leben 50 Prozent der Alten alleine oder in Heimen. 2050 werden in Europa 70 Millionen über 80-Jährige leben. Europa „ergraut“. Die Älteren in Europa sind im Schnitt in einer sehr guten ökonomischen Situation. Gleichzeitig aber nimmt die soziale Kälte immer mehr zu, Europa wird sozial immer unterentwickelter. Der europäische Lebensstil sei nicht zukünftig sondern destruktiv. Die Rolle des alten Menschen hat sich dramatisch verändert. Vom „neuen alten Menschen“ wird immer mehr verlangt fit zu sein und zu konsumieren. Gleichzeitig wurde dem Alter aber seine traditionelle Bedeutung genommen, so die Weisheit und die Kenntnisse des Alters vermitteln zu können. In Europa entsteht so ein Areal der sozialen Verwüstung. Das ist Ausdruck und Ergebnis für das Zerbrechen unserer Gesellschaft, für das Ende des Zusammenhalts. Es müsse in Zukunft wieder so etwas geben wie eine neue Gemeinschaft zwischen Jung und Alt. Es müsse zu einem Aufbruch aus diesem Nebeneinander kommen, Jung und Alt sollen gegenseitig wieder etwas zu tun haben. Die sozialen Probleme sind nicht mit Geld zu lösen, ein Kurswechsel ist daher notwendig, und das vor allem nicht nur aus ökonomischen Engpässen der Zukunft.

Demenz – Perspektivenwechsel notwendig
Die Demenz scheint in Europa zur größten Herausforderung zu werden. Sie scheint die größten denkbaren Ängste auszulösen, da sich der heutige Mensch als sehr autonom entscheidendes Individuum sieht. Demenz ist somit nicht nur ein medizinisch-pflegerisches Modell, sondern vor allem ein soziales, wobei auch die Biografie eines Menschen viel damit zu tun haben kann. Der Mensch mit Demenz kommt in der beschleunigten Gesellschaft nicht mehr mit. Er trägt das Leid dieser Gesellschaft; das Scheitern, die Orientierungslosigkeit, die Sprachlosigkeit. Menschen mit Demenz sind unser anderes Ich, sie haben all das, wie man nicht werden möchte. Die radikale Zunahme von Demenz hängt damit zusammen. Ein Perspektivenwechsel ist notwendig. Menschen mit Demenz könnten uns sagen: „Ihr habt euch in eine völlig falsche Richtung entwickelt, in eine, wo wir als Menschen mit Demenz nicht mitkommen.“ Man gibt sich oft zu schnell zufrieden mit der rein medizinischen Diagnose, die soziale Sichtweise bei Demenz wird vielfach außer acht gelassen. Die Gesellschaft muss viel demenzfreundlicher werden, es muss geschaut werden, dass Menschen mit Demenz und die Angehörigen länger in der Gesellschaft bleiben können. Es gibt eine enge Verknüpfung des Verlaufs der Demenz mit der sozialen Situation eines Menschen. Isolierte Menschen werden daher dement. Eine große ethische Herausforderung der Zukunft wird ein humaner Umgang für Menschen mit Demenz sein. Die Gefahr ist groß, dass Menschen mit Demenz in ökonomischen Krisen am gefährdetsten sind.

Die neue Situation am Lebensende
Drei Dinge haben sich verändert in der Situation am Lebensende: die Institutionalisierung, die Medikalisierung, die Ökonomisierung (Vergeldlichung). In unserer Gesellschaft hat sich die Vorstellung vom Tod radikal geändert. Der Tod wurde vielfach ein rein körperlicher Vorgang, zugleich ist der letzte Lebensabschnitt eines Menschen der kostenintensivste in seinem Leben. Die Hospizbewegung versucht eine andere Antwort darauf zu finden. Sie ist eine der großen sozialen Bewegungen. Und Demenz steht der Hospizarbeit verstärkt ins Haus. Aber es besteht die Gefahr, dass die Hospizarbeit an ihrem Erfolg zu scheitern droht. Damit das nicht passiert, dürfe Hospizarbeit nicht ökonomisiert werden. Auch dürfe nicht ein zu starkes Augenmerk auf qualitätsüberprüftes Sterben gelegt werden. Dahinter könnte auch die Angst der Lebenden vor Lebensende und Tod stehen. Die Kunst des Sterbens wird nicht mehr gepflegt, heute besteht die Gefahr der „Techno-Palliativbetreuung“.

FA Dr. Eduard Dunzinger
Früherkennung, Betreuung und Pflege demenziell erkrankter HeimbewohnerInnen aus fachärztlicher Sicht

In Österreich sind ca. 100.000 Demenzkranke erfasst, 40 Prozent davon in der Heimversorgung. Derzeit gibt es in Österreich jährlich 25.000 Neuerkrankungen. Ganz wichtig wäre ein möglichst frühzeitiges Erkennen von beginnender und milder Demenzerkrankung (MCI). Leider besteht in Österreich hier großer Nihilismus nach dem Motto „Behandlung zahlt sich ohnehin nicht aus“. Das Erkennen kognitiver Defizite im frühen Stadium von Seiten der Angehörigen und der Hausärzte könnte viel Positives bewirken. Das Problem Demenz muss frühmöglichst angesprochen werden, obwohl sehr häufig das die Patienten nicht wollen. Es gibt verschiedene und durchaus erfolgversprechende medikamentöse Therapien, sodass Krankheitsverläufe verzögert werden können, und das oft ein halbes bis zwei Jahre. Trotz dieses medizinischen Wissens wird Demenz in Österreich nicht oder viel zu wenig behandelt. Dabei hat sich ein früher Therapiebeginn nachweislich als wirksam erwiesen. Als Prävention bei Demenz gilt moderate körperliche Aktivität, kreative geistige Aktivität, soziale Interaktion, Ernährungsumstellung mit reichlich Blattgemüse, Obst und Fisch, Behandlung einer Alkoholabhängigkeit in jeder Altersstufe und Reduktion der vaskulären Risikofaktoren. Wichtig ist auch eine besondere Pflege der seelischen Gesundheit, da herrscht aber bei uns noch großer Aufholbedarf.

Podiumsdiskussion
In der Podiumsdiskussion wurden interessante Einblicke in Wohnbereiche von Menschen mit Demenz gegeben. Wichtig im praktischen Zusammenleben in einem Alten- und Pflegeheim mit Demenzkranken ist es, eigene Strukturen zu schaffen, unbedingt notwendig ist auch eine Zusatzausbildung für die Betreuenden. Derzeit gibt es 12 Dementenwohngruppen in Oberösterreich mit unterschiedlichsten Konzepten, der soziale Bereich ist aber überall besonders wichtig. Die Einbeziehung der Angehörigen ist ebenfalls von großer Bedeutung, damit die alten Menschen weiter ihren Familien- und Freundesbezug haben. Wichtig in einer optimalen Betreuung von Demenzkranken ist auch eine fachärztliche Begleitung in einem Alten- und Pflegeheim. Der Tagesablauf in den Wohnbereichen soll so alltagsähnlich wie möglich gelebt werden, also Hausarbeiten, Arbeiten mit Werkzeugen, auch Miteinbeziehen in die Pflege anderer. Ganz wichtig ist auch, dass der Humor nicht zu kurz kommt.


V.l.: FA Dr. Eduard Dunzinger, Erika Eberl, Wohnbereichsleitung APH St. Klara,
Alois Racher, stv. Wohnbereichsleitung APH St. Klara, Lukas Wenzl, Sozialabteilung des Landes OÖ, Dr. Günter Jakobi, Geschäftsführer TAU.GRUPPE.VÖCKLABRUCK

 

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