Franziskanisches Frühjahrssymposium 2012

Menschen in ihrem Sein sein lassen.
Mäeutik: das erlebnisorientierte Betreuungs- und Pflegemodell

Dienstag, 22. Mai 2012
9.00 – 16.00 Uhr, Seminarhaus St. Klara - Vöcklabruck


Im Seminarhaus St. Klara der Franziskanerinnen von Vöcklabruck fand am Dienstag, 22. Mai, ein hochinteressantes Symposium zur Thematik Mäeutik in der Pflege statt. Ein übervoller Saal zeigte die große Anziehungskraft der Themenstellung. Dr. Günter Jakobi, Geschäftsführer der TAU.GRUPPE.VÖCKLABRUCK konnte Generaloberin Sr. Kunigunde Dr. Fürst, Sr. Angelika Garstenauer, die im Juli Sr. Kunigunde als Generaloberin ablöst, Sr. Emilie Pölzleitner, die Generalökonomin, Mag. Albert Hinterreitner in Stellvertretung von LH-Stv. Ackerl, Bürgermeister Mag. Herbert Brunsteiner, Bezirkshauptmann Dr. Martin Gschwandtner und Martin König, Obmann der ARGE OÖ APH, begrüßen. Ein Fallbeispiel eines Bewohners eines Alten- und Pflegeheims wurde zwischen den Referaten literarisch und gestisch eindrucksvoll verarbeitet. Am Ende der Veranstaltung dankte Sr. Elsbeth Berghammer, Geschäftsführerin der TAU.GRUPPE.VÖCKLABRUCK, den Gästen für ihr großes Interesse und den ReferentInnen für ihre interessanten Vorträge.

Den Schlüsselvortrag hielt Dr. Cora van der Kooij, sie führte aus, dass das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell die gefühlsmäßige Seite der Pflege betont, speziell für Menschen in Langzeitpflege und Altersbetreuung. Pflegende brauchen Umgangsfähigkeiten und gefühlsmäßige Reife, damit sie wissen, wie sie empathisch reagieren können, da Pflegearbeit teilweise emotionale Arbeit ist. Mit Blick auf die Bedeutung der Empathie im Pflegeberuf kommt dem mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodell große Aufmerksamkeit zu. Empathisches Reagieren bedeutet, dass die Pflegenden sich in die KlientInnen hineinversetzen, Gefühle wie Angst, Trauer, Kummer bewusst wahrnehmen und imstande sind, darauf einfühlsam zu reagieren. Mäeutik ist als Methode Pflegenden mittels gezielter Fragen positive berufliche Erfahrungen bewusst zu machen, entstanden. Mäeutik ist die didaktische Fertigkeit, aus den GesprächspartnerInnen durch geschicktes und gezieltes Fragen schlummernde Erkenntnisse hervorzuholen. Entscheidend wichtig ist die Kenntnis von der Lebensgeschichte der KlientInnen. Dr. van der Kooij: „Je mehr Einsicht wir in die Persönlichkeit der zu betreuenden Menschen gewinnen, je mehr Verständnis für ihr Erleben des Hier und Jetzt, umso mehr Möglichkeiten haben wir, den richtigen Ton zu finden. Aufgeschlossenheit und Präsenz sind Voraussetzungen, ohne die man nichts erreicht. Umgang braucht Zuwendung, Interesse, Intuition, Kreativität und Courage. Und ein solcher Umgang führt zu einer zwischenmenschlichen Beziehung. Diese Pflegebeziehung bestimmt schließlich die Tiefe und Intensität des Kontakts.“
Die Mäeutik hat also grundsätzlich eine andere Sichtweise auf Pflege und Betreuung hervorgebracht, und somit auch eine neue Auffassung des Pflegeprozesses. Dies alles wieder hat mit einem Umdenken bezüglich des in der Pflege derzeit vorhandenen Menschenbildes zu tun. Gängige Pflegemodelle neigen dazu, den menschlichen Bedarf an Autonomie an Selbstfürsorge zu betonen. Allerdings ist diese Sichtweise auf Fürsorge und Pflege einseitig und übergeht die Bedrängnis von Menschen, die sich in der Situation von Krankheit und Behinderung befinden. Gerade auch Ältere brauchen andere, damit sie nicht in Trauer und Verzweiflung zerfallen. Ihr Selbstbild zerbröckelt, sie müssen sich ständig umorientieren. Im mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodell wird daher unter Pflegeprozess folgendes verstanden: Der Pflegeprozess ist die Begleitung der BewohnerInnen in ihrem Prozess von Krankheit oder Verlusten. Er fragt nach Erleben, Verhalten, Ressourcen und Bedürfnissen. Probleme werden dann formuliert, wenn es sich um Risikofaktoren und Behandlungspflege handelt. Verlusterfahrungen sind dabei nicht zu übersehen und bedürfen empathischer Begleitung. Situationsbedingtes und prozessorientiertes Pflegehandeln ist anzustreben. Und dies gibt den Pflegenden auch Handlungsspielraum für jede Situation. Und Mäeutik ist immer auch Teamarbeit, so entsteht eine Kultur der Geborgenheit.

Elisabeth Bauer und Harald Jeschke behandelten das Thema „Mäeutik als Mission“. Von der Wertschöpfung zur Wertschätzung. Grundsätzlich wichtig, so die Referentin, ist es die Mitarbeiter zu würdigen. Es geht auch darum, das eigene Talent zu leben, zu erfahren, was ist mein Talent. Das ist auch Teil der Führungsarbeit, MitarbeiterInnen dort einzusetzen, wo sie gut sind. Wichtig in einem APH ist, BewohnerInnen als Mitte zu haben, sie im Sein sein lassen, den anderen anzunehmen wie er ist. Spürbare Wertschätzung von Lebensgeschichte und Individualität ist wichtig, damit man sieht was und wie der Mensch wirklich geworden ist. Und Pflegende haben bei Verlustprozessen auch die Aufgabe „Prothese“ zu sein. Jeschke referierte über die Rolle der Angehörigen und beleuchtete diese im Hinblick auf die Mäeutik. Die Angehörigen sind gerufen eine aktive Rolle im gesamten Prozess einzunehmen. Ziele und Zusammenhänge sind ihnen erkennbar zu machen, ihre Betreuungs- und Pflegeintelligenz zu entwickeln. Grundsätzlich sind Angehörige als positive Botschafter zu sehen. Und für die Pflegenden ist es wichtig, sich (selbst) von Routine zu entbinden und auf die Menschen und ihre Geschichten neugierig zu sein und zu bleiben. Denn der Wandel beginnt mit dem eigenen Verhalten. Mäeutik ist zukunftsweisend, so Bauer, denn Fortschritt wird in Zukunft nichts abstrakt Messbares sein, sondern etwas konkret Fühlbares.

Ingrid Bauer beschäftigte sich mit der Thematik „Werkzeuge der Mäeutik“. Diese sind kommunizieren, dokumentieren, reflektieren und formulieren. Beim Kommunizieren ist das Ziel bewusst positive Kontaktmomente zu erkennen, sie mit allen Sinnen wahrzunehmen und aktiv zuzuhören. Ein zentrales Mittel ist hier auch die Bewohnerbesprechung mit immer nur einem Bewohner. Beim Dokumentieren soll der Mensch für andere sichtbar gemacht werden, eine wichtige Rolle hat der Beobachtungsbogen. Beobachten ist dabei vorerst schauen und fühlen, und das wertfrei. Voraussetzung ist die Bezugspflege. Im Reflektieren geht es zu sich, zur Situation und zu den anderen zu finden, vom individuellen zum gemeinsamen Wachsen, es geht um Teamkultur. Und beim Formulieren ist das Ziel erkennen, benennen und ausdrücken und mäeutische und ethische Empfehlungen zu geben.

Brigitte Wiesinger stellte in ihrem Referat „Mäeutik managen“ die Praxis der mäeutischen Umsetzung im Bezirksalten- und Pflegeheim Peuerbach vor. Dort wurde 2006 mit Mäeutik-Schulungen begonnen. Wiesinger betonte, dass Mäeutik nie abgeschlossen ist. Durch die Einführung der mäeutischen Didaktik hat in Peuerbach die Betreuung einen neuen Stellenwert gefunden, die Sicherung der Lebensqualität nimmt jetzt eine zusehends höhere Bedeutung ein. Regelmäßige Workshops und Besprechungen mit Angehörigen, jährliches Training on the Job stehen am Programm. Mäeutig bedingte in Peuerbach eine Einstellungs- und Haltungsänderung, man denkt nicht in Problemen, sondern in Lösungen. Durch die Einführung der Mäeutik änderte sich auch die Kultur im Haus, es war dies ein sehr tiefgreifender Prozess. Bezugspflege ist dabei ein ganz wichtiger Punkt, um mit Mäeutik überhaupt beginnen zu können. Und Mäeutik ist, so Wiesingers Überzeugung, eine gute Burnout-Prophylaxe, da MitarbeiterInnen kreativ herausgefordert sind und dies als sehr positiv erleben.

Markus Nußbaumer beschäftigte sich mit der Thematik der Mäeutik und Arbeitszufriedenheit im Pflegeberuf, er erhob dabei den Status quo im APH St. Klara in Vöcklabruck, wo das mäeutische Pflegemodell seit 2010 in allen Wohnbereichen eingeführt wurde. Sechst Monate nach der letzten Schulung wurde eine von Nußbaumer erarbeitete Teilbefragung unter den MitarbeiterInnen mittels standardisiertem Fragebogen und einer Reihe von Interviews mit Wohnbereichsleitungen und Pflegedienstleitungen mittels teilstandardisiertem Fragebogen durchgeführt. Grundsätzlich ging es in der Untersuchung darum, welche kritischen Erfolgsfaktoren bei der Einführung des mäeutischen Pflegemodells zu beachten sind und ob dieses auch für Mitarbeiter eine höhere Arbeitszufriedenheit mit sich bringt. Nußbaumer führte aus, dass es für knapp 30 Prozent der MitarbeiterInnen durch die Einführung der Mäeutik zu Verbesserungen kam. Positive Wirkungen wurden in den Fragebögen wie folgt genannt: Die Arbeit gibt ein Gefühl etwas zu leisten, mehr Einflussvermögen, mehr Lösungsorientierung und bessere Zusammenarbeit. MitarbeiterInnen verbringen auch bewusster die Zeit mit den BewohnerInnen und gehen auf individuelle Bedürfnisse mehr ein. Die Mäeutik hat in St. Klara das Bewusstsein positiv verändert, sie gibt den MitarbeiterInnen auch mehr Sicherheit im Umgang mit den BewohnerInnen. Als Problem bei der Einführung der Mäeutik wird laut Fragebogenergebnisse gesehen, dass es oft zu wenig Zeit gibt und dass es mehr Personal geben müsste. Wichtig ist auch die Motivation von Anfang an, das sichert langfristige Erfolge. Generelles Fazit von Nußbaumer: Einzelne Faktoren des mäeutischen Pflegemodells können die Arbeitszufriedenheit in manchen Bereichen verbessern. Eine generelle Verbesserung der Arbeitszufriedenheit über alle Bereiche konnte durch die Einführung des mäeutischen Pflegemodells nicht erreicht werden.


Dr. Jakobi

Sr. Elsbeth Berghammer




Dir. Mag. Hans Gebetsberger und DGKS Nicole Kronlachner stellen szenisch ein Fallbeispiel aus der Mäeutik dar.

 

ReferentInnen


v.l.: Jeschke, van der Kooij, Elisabeth Bauer, Ingrid Bauer, Wiesinger, Nußbaumer

Elisabeth Bauer
Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester, ganzheitliche Individuationstrainerin, IMOZ Dozentin, Aufbau und Leitung von IMOZ Austria, Ausbildnerin von Mäeutik-Trainer/innen.

Ingrid Bauer
Diplomierte psychiatrische Krankenschwester, Speziallehrgang für leitende Funktionen in der Sozialarbeit, Mäeutik Trainerin seit 2007, Leiterin des Katharinenheims in der Hinterbrühl (NÖ) bis 2003, seit 2003 als DGKS in der Caritas Socialis.

Harald Jeschke
Journalistische Ausbildung und weiterführende Studien im Marketing-, Management- und Kreativitätstechniken, Leiter der Abteilung Text, Presse und PR in einem internationalen Konzern, Inhaber einer Agentur für Marketing-Kommunikation und Identitätsarbeit in Unternehmen und Organisationen. Ehrenamtliche Mitarbeit bei IMOZ Österreich.

Dr. Cora van der Kooij
Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester, Historikerin und Pflegewissenschaftlerin. Gründerin der Akademie für Mäeutik, verantwortlich für die praxisnahe Weiterentwicklung des Modells. Zusammenarbeit mit den IMOZ-Organisationen in den Niederlanden, Deutschland und Österreich.

Brigitte Wiesinger MSc
seit 1998 Heimleiterin im Bezirksalten- und Pflegeheim Peuerbach, Dipl. Erwachsenenbildnerin, SELBA Trainerin, Mäeutikdozentin seit 2002.

Markus Nußbaumer MA
Bachelor Studium an der FH Oberösterreich – Steyr: Studiengang Prozessmanagement Gesundheit; berufsbegleitendes Master-Studium an der FH Oberösterreich – Linz Studiengang Services of General Interest – Schwerpunkt Gesundheitsmanagement. Seit 2010 Assistent der Geschäftsführung bei der TAU.GRUPPE.VÖCKLABRUCK mit Aufgabenschwerpunkt Einführung von Qualitätsmanagementsystemen in Alten- und Pflegeheimen (E-Qalin) sowie diverse Projektbegleitungen in Alten- und Pflegeheimen.

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