Franziskanisches Frühjahrssymposium 2013

Ethik in der Altenarbeit

Mittwoch, 10. April 2013
9.00 – 16.00 Uhr, Seminarhaus St. Klara - Vöcklabruck


Beim 11. Franziskanischen Frühjahrssymposium im Seminarhaus St. Klara der Franziskanerinnen von Vöcklabruck am Mittwoch, 10. April stand das Thema „Ethik in der Altenarbeit“ am Programm. GF Sr. Elsbeth Berghammer konnte neben sehr vielen BesucherInnen Generaloberin Sr. Angelika Garstenauer begrüßen, weitere Ehrengäste, die auch Grußworte sprachen, waren ORR Mag. Hermann Mühlleitner (Vertretung BH Dr. Gschwandtner), Bürgermeister Mag. Herbert Brunsteiner und Mag. Albert Hinterreitner (Vertretung LH-Stv. Josef Ackerl). Weitere Ehrengäste waren Lukas Wenzl von der Heimaufsicht und Bernhard Hatheier von der ARGE der OÖ APH. Die Veranstaltung war hochkarätig, äußerst interessant und praxisbezogen.



Prof. Sedmak


Prof. Klaushofer

Univ.-Prof. DDDr. Clemens Sedmak behandelte in seinem Referat das Thema „Menschenfreundliche Altenarbeit – ethische Gesichtspunkte“. Er trat hier den Praxisbeweis der Philosophie an, da die Ethik ja in der Sphäre des Praktischen stattfindet. Eine anständige Institution sei eine, die den Menschen nicht demütigt. Es gehe auch in den APHs immer um „Vermenschlichung“. Die Beschäftigten in den APHs sind, so Sedmak, u.a. dem Zahlendruck (monetärer Druck), dem Erwartungsdruck durch andere und sich selbst, durch übertriebene Rechenschaftspflichten (überbordende Formularflut) und Zeitdruck ausgesetzt. Ein wichtiger Faktor dabei ist die Resilienz jedes Einzelnen. Sie ist die Fähigkeit, sich in wichtigen Umständen zu bewähren und „zu gedeihen“. Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress und Schock gehört hier dazu. Entscheidend ist, in welchem Rahmen die Arbeit eingebettet ist. Resilienz wird auch gestärkt, wenn man sein Leben auf mehrere Pfeiler aufbaut. Verschiedene Quellen der Anerkennung, nicht nur die im Beruf, sind wichtig. Wichtig ist auch ein nichtfatalistisches Denken zu haben. Menschen müssen das Grundgefühl haben, dass sie etwas machen können, was etwas bewirken kann und soll. Eine Flucht in Illusionen richtet nur Schaden an. Wichtig ist auch ein Netz von MentorInnen zu haben, Menschen, die einen begleiten. Vor allem auch für HeimbewohnerInnen ist das ganz wichtig. Sedmak meint auch, dass die Bedeutung der pflegebedürftigen Menschen in unserer Gesellschaft mehr „überschätzt“ werden müsse. Glücklich sein im Beruf ist jedenfalls eine ethische Dimension, gerade in sozial-relevanten Berufen. Dazu gehört auch eine persönliche Entscheidungsbreite und Verantwortlichkeit. Und das Allerwichtigste im Leben, so der Referent, ist der Friede des Herzens, darum müsse man sich bemühen, dann bekomme man Kraft. Und wichtig in der Altenarbeit ist demnach die Spiritualität. Altenarbeit ist nämlich auch der Blick auf das Schöne im Unvollkommenen.

az. Prof. Dr. Reinhard Klaushofer von der Universität Salzburg ist neben seiner Tätigkeit als Verfassungs- und Verwaltungsjurist auch Mitglied der Kommission der Volksanwaltschaft zur Einhaltung der Menschenrechte in Einrichtungen, in denen Menschen in ihrer Freiheit beschränkt sind oder wo ihnen die Freiheit entzogen ist. Alten- und Pflegeheime gehören zu diesen Einrichtungen. Klaushofer stellte klar, dass es bei der Einhaltung der Menschenrechte primär um Menschenwürde geht. Grundlage der Tätigkeit ist OPCAT, die Behindertenrechtskonvention, auch Österreich hat sich verpflichtet, die völkerrechtlichen Normen von OPCAT umzusetzen. Besuchskommissionen besuchen auch unangemeldet APHs. Positive und negative Kritik wird von der Kommission gemacht. Die Förderung der Einhaltung der Menschenrechte ist das Hauptinteresse. Der Besuch von Einrichtungen erfolgt durch Zufallsgenerator, aber auch aufgrund von Vorinformationen oder von Beschwerden. Die Kommission besteht aus Männern und Frauen und setzt sich aus verschiedenen Berufsgruppen zusammen (Juristen, Diplompflegekräfte, Psychologinnen, Seelsorger, Diplomsozialarbeiter, Menschen mit caritativem Hintergrund). Wichtig bei den Besuchen ist die Dokumentation, die wichtigste Rolle spielt aber das Gespräch mit MitarbeiterInnen und BewohnerInnen. Sie sind aufschlussreich um festzustellen, wie der Umgang mit BewohnerInnen ist. Kritik, die geübt wird, wird nur an Sachverhalten geübt, die objektivierbar sind. Der Referent wies darauf hin, dass prinzipiell die Vertrauensbeziehungen geschützt sind, und dass auch strafbare Handlungen nicht automatisch angezeigt werden, wenn es auch andere Möglichkeiten der Verbesserungen gibt. Die Kommission sieht sich auch als Unterstützung der MitarbeiterInnen, die mit Zuständen in einem Heim aus ethisch-moralischen Gründen nicht zufrieden sind. Die Problemstellung sind äußerst vielfältig (finanzielle und personelle Auslastung, Ressourcenmangel, Verlegung von Menschen, bei denen sich die Pflegestufe verändert, Beibehaltung des Lebensrhythmus für Bewohner, medizinischer Freiheitsentzug etc.). Nach Abschluss des Besuchs erfolgt im Heim noch ein Abschlussgespräch, dann wird jeder Besuch protokolliert, eine menschenrechtliche Beurteilung abgegeben und diese an die Volksanwaltschaft weitergeleitet. Menschenrechtliches Monitoring ist, so Prof. Klaushofer, jedenfalls gelebte Ethik im Umgang mit allen Beteiligten, wobei er einräumte, dass auch die Kommission Fehler mache, auch darüber müsse es einen Diskurs geben. Abschließend zeigte der Referent großen Respekt vor der Altenarbeit und forderte, dass diese gesellschaftlich noch viel mehr hervorgehoben werden müssen.

In einer Podiumsdiskussion mit hochaktuellen und interessanten Beiträgen wurde die Situation rund um APH und Menschenrechte sehr gut beleuchtet. Es zeigte sich ein gewissen Unbehagen seitens der im Heim Beschäftigten mit dem Besuch der Kommission, und dass man das Gefühl habe, dass man unter Generalverdacht stünde. Vielfach wird der Besuch auch als zusätzliche Kontrolle gesehen, die nicht unbedingt sein müsse. Andererseits kommen von Heimen, die von der Kommission schon besucht wurden, sehr positive Rückmeldungen. Seitens der Kommission gäbe es jedenfalls keinerlei Misstrauen gegenüber APHs. Klar sei auch, dass nicht alles in Regeln und Normen hineingepresst werden könne, auch Individualität müsse Platz haben. Menschenrechte sind unteilbar, daher sind die Probleme der MitarbeiterInnen genauso wichtig wie die der BewohnerInnen und werden deshalb von der Besuchskommission wahrgenommen. Wichtig in der Beurteilung ist auch die Tatsache, dass viele der Bewohnerinnen heute multimorbide PatientInnen sind. Auch die pflegerechtlichen Bestimmungen müssten daher überarbeitet werden, da sich die Pflegesituation in den letzten Jahren stark verändert hat. Die Kreativität der Pflege hat in den letzten Jahren jedenfalls viel weitergebracht. Ein großes Problem ist die immer mehr zunehmende Dokumentation, einerseits dienst sie dem Schutz der MitarbeiterInnen, andererseits nimmt sie Zeit für die Pflege weg.

GF Dr. Günter Jakobi appellierte in seinem Schlusswort, dass die Arbeit der Kommission auch in die Richtung gelenkt werde, dass kein Schaden in der Öffentlichkeit für die APHs entsteht, da in den allermeisten Fällen sehr gute Arbeit geleistet wird. Deshalb sollten auch positive Aspekte durch die Kommission vermehrt an die Öffentlichkeit gebracht werden. Mit einem Dank an die TeilnehmerInnen an der Podiumsdiskussion beendete Dr. Jakobi die Veranstaltung.


Podiumsdiskussion v.l.:
Mag. Michael Wall, Sozialabteilung Land Oberösterreich
PD az. Prof. Dr. Reinhard Klaushofer
DGKS Renate Kaineder, Pflegedienstleitung St. Elisabeth
DGKS Eva Korntner, Pflegedienstleitung Maria Rast
MR Dr. med. Wolfgang Wiesmayr, Arzt für Allgemeinmedizin, ZF Geriatrie
Dr. Martin Greifeneder, Richter Landesgericht Wels

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