Aktuelles

Franziskanisches Frühjahrssymposium 2014

Leben und Sterben – zur Kultur des Sterbens heute

Dienstag, 29. April 2014
9.00 – 16.00 Uhr, Seminarhaus St. Klara - Vöcklabruck

Am Dienstag, 29. April, fand im Seminarhaus St. Klara der Franziskanerinnen in Vöcklabruck das schon traditionelle Franziskanische Frühjahrssymposium statt. Thema war: „Leben und Sterben – zur Kultur des Sterbens heute“. Geschäftsführerin der TAU.GRUPPE.VÖCKLABRUCK Sr. Elsbeth Berghammer konnte Sr. Generaloberin Angelika Gartstenauer, Generalvikarin Sr. Teresa Hametner, zahlreiche Ehrengäste und ausgesprochen viele Gäste begrüßen. Grußworte sprachen GF Martin König, ARGE der oö. Alten- und Pflegeheime, HR Mag. Mühlleitner (in Vertretung von BH Dr. Gschwandtner), Bgm. Mag. Brunsteiner und Mag. Hinterreitner (in Vertretung von LR Mag. Jahn).

Symposium

Hochkarätige ReferentInnen sorgten für einen hochinteressanten Symposiumsverlauf. Es waren dies: Univ.-Prof. DDr. Paul M. Zulehner (Theologe und Pastoraltheologe an verschiedenen Universitäten), Prof. Dr. phil. Andrea Zielke-Nadkarni (Professorin für Pflegepädagogik an der FH Münster), Dr. Danielle Spera (Direktorin des Jüdischen Museums Wien und ehemalige ZIB 1 – Moderatorin), Monika Mariam Troschl (Frauenbeauftragte der Islamischen Religionsgemeinschaft OÖ in Linz) und KsR Herbert Mitterlehner (Leiter der Abteilung Spezifische Lebenssituationen im Pastoralrat und Referent für Krankenhauspastoral der Diözese Linz).

Vorträge:

Paul M. ZulehnerPaul M. Zulehner
Herr, gib jedem seinen eignen Tod.

Die „wahre“ Freiheit des Sterbens war das Thema von Prof. Zulehner, es war ein Nachdenken, ob Sterben wirklich frei ist. Zulehner gab auch gleich die Antwort: „Es ist weit weniger frei, als wir uns das wünschen. Und durch die Straffreiheit für die aktive Euthanasie wird das Sterben nicht freier.“ Tatsache aber ist, dass immer mehr Theologen, Philosophen, Politiker und Menschen die aktive Euthanasie fordern. Diese liberale Forderung nach Freiheit beim Sterben ist für Zulehner eine Forderung nach Straffreiheit. Eine Straffreiheit, die aber seiner Meinung nach eine moralische Aushöhlung zur Folge hätte. 16 % sind nach einer Meinungsumfrage in Oberösterreich grundsätzlich für Euthanasie, 52 % unter Umständen. Es gilt also die Umstände zu ändern, und so hielt Zulehner ein Plädoyer für die Befreiung des Sterbens. Dazu braucht man den Ausbau der Palliative Care, auch in Forschung und Lehre, bedeutend mehr Anerkennung der professionellen Pflegekräfte, Unterstützung der Angehörigen zu Hause, Entlastung der Familie und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege, leistbare mobile Hilfsdienste und Altentagesstätten. Vor allem aber, so Zulehner, müsse man den Sterbenden die Angst nehmen. Christliche Spiritualität ist ein guter Weg, diese Angst zu nehmen. Wir leben laut Zulehner in einer Wohlstandsgesellschaft, in einer Kultur des Entsorgens. Und je mehr die Medizin das Sterben eskaliert, umso lauter wird der Ruf nach Euthanasie werden. Zulehner ist daher gegen sinnlose medizinische Verlängerung des Sterbens, das endlose Hängen an Apparaten. Euthanasie ist für Zulehner zwar eine einfache, aber die falsche Lösung. Daher fordert Zulehner mehr solidarisches Leben, das heißt menschlicher zu werden. „Wir werden die Euthanasie bekommen, wenn die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod stirbt.“ Wir müssten, so Zulehner, auch leidensfähiger werden. „Wenn wir einen anderen nicht mehr gut leiden können, dann können wir ihn auch nicht mehr lieben.“ Wir drängen jegliche Art des Leidens aus dem Leben hinaus. Unerträgliches Leid sei zu lindern, unvermeidbarer Schmerz ist hingegen ein wichtiger Beitrag im Leben. Nicht der Tod ist das letzte Wort, sondern die Liebe und das Leben, denn Menschwerdung hat etwas zu tun mit Leidcharakter.

Vortrag von Prof. Zulehner zum Download

 

Andrea Zielke-NadkarniAndrea Zielke-Nadkarni
Religion und Kultur – Vermittlungsstrategien in der Pflege. Umgang mit Sterben und Tod in der Altenpflege unter soziokulturellen Gesichtspunkten

Nadkarni zeigte den Umgang mit Sterben und Tod im Hinduismus, Judentum und Islam. Wichtig dabei ist, bei allen verschiedenen Sterberitualen den Sterbenden den entsprechenden Rahmen zu geben, Geduld und Akzeptanz und viel Verständnis zu haben für andere Rituale und kulturelle Gebräuche. Ein weiterer Aspekt des Referats war der chronische Schmerz von Migranten und der Umgang damit. Selbst- und Fremdeinschätzung (Ärzte, Pflege) gehen gerade bei der Betreuung von Migranten oft sehr weit auseinander. Der Schmerzausdruck ist jedenfalls kein sicherer Indikator für Schmerzintensität. Kritisch zu hinterfragen sei, ob Schmerzäußerungen fremder Ethnien Schmerznormen zuzuschreiben sind. Es könnte auch so sein, dass wir von unseren eigenen Schmerzvorstellungen zu stark ausgehen und Schmerzverhalten falsch einschätzen, was häufig zur schlechten Schmerzbehandlung führt. Schmerz hat immer einen soziokulturellen Hintergrund, es ist daher wichtig, sich mit dem eigenen Schmerzverständnis und dem fremder Ethnien auseinander zu setzen. Wichtig ist, die soziokulturellen Ursachen dafür zu erkennen. Auch sprachliche und Bildungsschranken machen eine Schmerzeinschätzung oft schwierig. Daher ist eine gute Schmerzanamnese wichtig, eine gute Schmerzeinschätzung kann etwa durch Anbieten von Gesichts-Ratingskalen (von lachendem bis weinendem Gesicht) erreicht werden. Auch nonverbale Schmerzäußerungen sind zu beachten. Entscheidend ist jedenfalls im Umgang mit Migranten, dass besonders viel Gefühlsarbeit von Pflegenden zu leisten ist und auf die Gefühlsebene der Migranten eingegangen werden soll.

Vortrag von Frau Zielke-Nadkarni zum Downoad


Podiumsdiskussion

In der Podiumsdiskussion diskutierten Danielle Spera, Monika Mariam Troschl und Herbert Mitterlehner und stellten religiöse Rituale im Judentum, Islam und Christentum vor. Bei aller Verschiedenheit dieser religiösen Rituale und kulturellen Gebräuche in den drei Religionen sind sie sich aber in den Grundzügen absolut einig. Für alle drei ReferentInnen spielen Rituale eine sehr wichtige Rolle, sowohl im Leben als auch beim Sterben. Sie geben Halt und sind verpflichtend gleichermaßen. Eine Erosion der Rituale in unserer glückbetonten Gesellschaft bringt auch einen Verlust in der Sterbekultur mit sich. Mehr Verbindlichkeit statt Unverbindlichkeit, wieder mehr praktizierte religiöse Rituale in einem gefestigten Glauben wären daher wichtig. Durch die Modernität geht auch die familiäre Solidarität zurück, dann werden Sterben und Tod verdrängt, Angehörige wollen zunehmend über dieses Thema gar nicht mehr reden. Wichtig ist, dass die Vorbereitung auf das Sterben schon im Leben vorher beginnen muss. Einigkeit gab es auch, dass Religionen eine sehr wichtige Stütze beim Sterben sein können, und zwar dann, wenn sie authentisch gelebt werden, dann sind sie keine billigen Vertröstungen, sondern Wirklichkeit. Der sterbende Mensch erinnert sich an die Zusage, dass das Leben einen Sinn hat, dass es geborgen ist in einem Du, in Gott. Wichtig ist es, dem Sterbenden Zeit zu geben, die letzte Zeit im Leben ist den drei Religionen eine Zeit der Begleitung, des Gesprächs, eine Möglichkeit, eine Lebensbilanz zu machen. Deshalb darf beim Judentum den Todkranken ihr Zustand nicht verheimlicht werden. Sterbebegleitung ist aber nicht nur eine Sache von Angehörigen, jeder könne Sterbebegleiter sein, denn man habe ja in einer Gesellschaft grundsätzliche Verantwortung füreinander. Die Unterstützung der Angehörigen ist eine ganz wichtige Aufgabe, sie dürfen nicht alleingelassen werden.

Vortrag von Dr. Danielle Spera zum Download

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