Anastasiia und Vasyl: „Wir planen nicht weit voraus – unser Ziel: zusammen bleiben.“
Ein regnerischer Tag Ende August. Während wir mit Anastasiia und Vasyl im Gemeinschaftszimmer im Quartier 16 in Vöcklabruck zusammensitzen, läuft der dreieinhalbjährige Ivan zwischen dem Spielzimmer und uns hin und her. Er balanciert ein kleines Spielzeugtablett in den Händen, serviert pantomimisch Torte, Schokomuffins und fragt, ob wir Parmesan dazu haben wollen. Zuerst nur für Mama und Papa, dann auch für uns Gäste. Natürlich wollen wir – er strahlt.
Vor zwei Jahren führten wir das erste Gespräch mit Anastasiia. Sie lebte damals schon knapp eineinhalb Jahre mit Ivan im Quartier 16. Die beiden hatten die Ukraine im April 2022 verlassen, Ivan war damals ein Säugling. Er ist kurz vor Beginn des Krieges geboren. Seit Ende Juli 2025 ist die Familie endlich wieder vereint. Anastasiia besucht einen Deutschkurs in Wels, Vasyl konnte nach fast zehn Monaten Armeedienst, einer Operation am Rücken und anschließender Rehabilitation offiziell nach Österreich ausreisen. Ivan geht seit Anfang September in den Kindergarten. Für die Familie aus der Ukraine hat ein neues Kapitel begonnen – voll Hoffnung, aber auch mit vielen Unsicherheiten.
„Mama, ich möchte zu Hause auch Deutsch sprechen!“
Die Pädagogin in der Krabbelstube, die Ivan bis Ende August besuchte, war begeistert: Ivan spreche schon erstaunlich gut Deutsch. „Im vergangenen Monat hat er das Alphabet gelernt, ganz von selbst wollte er das“, erzählt Anastasiia stolz. Eines Tages kam er nach Hause und sagte: „Mama, ich möchte zu Hause auch Deutsch sprechen!“
Viermal pro Woche besucht sie vormittags einen Deutschkurs in Wels. Derzeit absolviert sie das Niveau B1. Während der Sommerferien blieb Ivan währenddessen bei seinem Papa. Die kleine Wohnung im Quartier 16, in der Anastasiia und Ivan leben, sei „super, aber für drei Personen sehr klein“, sagt Anastasiia und lacht. Vasyl hat einstweilen im nahen Mutterhaus Unterschlupf gefunden. Untertags sind sie gemeinsam im Quartier 16. Ivan nimmt das Platzproblem auf seine Weise: Er baut große Spielzeughäuser, „mit Räumen für uns alle“, wie Vasyl erzählt. Einen Raum habe er extra für Mama gebaut: die Küche. Sie lachen und zeigen ein Handyfoto mit dem Spielzeughaus.
An der Front
Vasyl wirkt gefasst, als er von den vergangenen Monaten erzählt. Fast zehn Monate war er im Armeeeinsatz, zum Schluss direkt an der Front, nahe Myrnohrad in der Region Donezk. „Dort gab es im Sommer die heftigsten Kämpfe“, berichtet er. Schon zuvor hatte er Rückenprobleme, galt als nur teiltauglich. Deshalb wurde er anfangs nicht direkt an der Front eingesetzt. „Aber am Ende mussten wir alle an die Front.“
Nach einem dreitägigen Dauereinsatz gab der Rücken endgültig auf. Eine Operation und eine Reha folgten. Als Kriegsinvalide war er berechtigt auszureisen. Die Dokumente dafür zu beschaffen, war schwierig. „Es blieb bis zuletzt spannend, weil ein Papier fehlte“, sagt Vasyl. Schließlich klappte es doch, und er konnte legal ausreisen.
Dnipro, die Stadt in der die junge Familie lebte, ist nicht unmittelbar Frontgebiet, aber regelmäßig Ziel von Raketen- und Drohnenangriffen. „Eine Rakete schlug 400 Meter von unserer Wohnung entfernt ein. Die Wohnung blieb unbeschädigt. Aber es ist wie eine Lotterie – jederzeit kann es passieren“, sagt Vasyl. Sein Bruder, dessen Frau und Anastasiias Eltern sind dortgeblieben. „Sie wollen eigentlich auch weg, aber meine Eltern haben Hühner und Katzen, und die Großmutter lebt auch bei ihnen. Und meine Schwägerin ist Ärztin – sie kann nicht fort“, erzählt Anastasiia.
Wiedersehen am Bahnhof in Vöcklabruck
Wie war das, als sie sich nach so langer Zeit wiedersahen? Vasyls Antwort kommt ohne Zögern: „Es ist so schön, wieder zusammen zu sein!“
Doch es war nicht nur einfach. Anastasiia erinnert sich: „Ich war nervös, wie Ivan reagieren würde. Ich muss ja auch darauf achten, dass er mit seinen Gefühlen zurechtkommt.“
Auf ihrem Handy zeigt Anastasiia ein Video vom Bahnhof in Vöcklabruck: Ivan erkennt den Vater nicht sofort – er ist so viel größer und kräftiger als der Mann in seiner Erinnerung. Bewusst gesehen hatte er ihn vorher als Säugling und einmal, voriges Jahr, als sie ihn in der Ukraine besuchten. Aber ein Jahr ist lang für einen Zwei- bis Dreijährigen. Ivan kannte seinen Vater vorwiegend von den täglichen Videotelefonaten am Handy.
Als der Papa endlich da war, war Ivan begeistert – und zugleich überwältigt. „Am ersten Tag, als Vasyl ins Mutterhaus ging, hat Ivan geweint. Einfach, um den ganzen Druck loszuwerden“, erzählt Anastasiia. Nach zwei, drei Wochen pendelten sich die Emotionen ein. Heute sei er viel ruhiger.
Es geht nicht um Mut – es geht um Werte
War es schwer für Vasyl, bei der Abreise aus seiner Heimat zu entscheiden, was er mitnimmt? „Überhaupt nicht! Nach der Armee ist das nicht schwer – wir waren ja dauernd woanders.“
Auch wenn es der Krieg notwendig macht – wie viel Mut erfordert es, seine Heimat zu verlassen, ins Ungewisse zu fahren? „Da geht es nicht um Mut“, sagt Vasyl. „Für mich war ganz klar, dass ich da sein will, wo meine Familie ist!“.
Auf die Frage, ob sie sich in dieser Zeit verändert habe, meint Anastasiia: „Meine Werte haben sich deutlich verschoben. Früher hätte ich mir ohne großes Zögern einfach etwas gegönnt, was mir Freude macht – zum Beispiel eine Armbanduhr. Kein Luxusmodell, einfach nur eine schöne Uhr. Heute halte ich in solchen Momenten inne und frage mich: Brauche ich das wirklich? Ist es wesentlich? Und fast immer lautet die Antwort: Nein. Was heute zählt, ist etwas anderes – die Sicherheit meines Kindes, seine Zukunft, die Möglichkeit, ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Oder die Frage, wie ich im Alter leben werde. Das hat für mich heute einen ganz anderen Stellenwert.“
Zukunft zwischen Hoffnung und Pragmatismus
Bis März 2027 darf die Familie in Österreich bleiben. Nach einem Jahr Arbeit können sie die Rot-Weiß-Rot-Karte beantragen. „Wenn ich den B1-Deutschkurs abgeschlossen habe, suche ich Arbeit“, sagt Anastasiia. In der Ukraine hat sie im administrativen Management gearbeitet, sie war für den Verkauf und die Buchhaltung verantwortlich. Sie kann sich vorstellen, hier Büroarbeit zu verrichten, vielleicht einen Buchhaltungskurs zu absolvieren und dann in diesem Bereich zu arbeiten.
Vasyl ist IT-Entwickler mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Fünfzehn Jahre war er Lektor an einer Universität, dann wechselte er in die Privatwirtschaft. Jetzt überlegt er, ob er remote für das britische Unternehmen arbeiten soll, für das er bereits in der Ukraine tätig war, oder sich eine Arbeit hier suchen soll. Derzeit ist er beim AMS gemeldet.
Planen? Das haben sie sich abgewöhnt. „Wir denken viel darüber nach, wo wir gemeinsam wohnen können. Aber wir planen nicht weit voraus, wir haben gelernt, dass sich alles schnell ändern kann“, sagt Anastasiia. Vasyl zitiert Eisenhower: „Ein Plan ist nutzlos, aber Planung ist alles.“ Es gehe darum, flexibel zu bleiben, sich an die Umstände und Möglichkeiten anzupassen. Das Ziel sei klar – die Familie soll zusammenbleiben. Wie der Weg dorthin aussieht, könne sich jederzeit ändern.
Kontakt zu Landsleuten
Der Kontakt in die Ukraine bleibt eng, per Telefon und dem Nachrichtendienst Telegram.
In Vöcklabruck fanden Anastasiia und Ivan rasch Anschluss. „Mütter mit kleinen Kindern haben meist kein Problem, Freundinnen zu finden“, sagt Anastasiia lachend. Auch zwei ukrainische Familien zählen hier zu ihren engeren Freunden.
„Ich bin schon bei den Großen“
Zum Ende des Gesprächs fragen wir Ivan auf deutsch, ob er auch interviewt werden will. Er überlegt kurz, schüttelt den Kopf. Dann beginnt er, zu singen. „A B C D E F G …“ Fehlerfrei bis zum Schluss.
Nachdem er stolz unseren Applaus entgegengenommen hat, beantwortet er doch noch zwei Fragen:
Wie alt bist du, Ivan? – „Drei Jahre.“
Wann hast du Geburtstag? – „Im Winter. Da werde ich vier.“
Und fügt selbstbewusst hinzu: „Ich bin schon bei den Großen. Ich bin so groß!“ – und streckt die Arme in die Höhe.
Anastasiia und Vasyl lachen, während Ivan ein letztes Mal sein Tablett schwenkt. Torte, Muffins, Parmesan – alles für Mama, Papa und die beiden Frauen, die hier Fragen stellen.
Der kleine Ivan lebt mit seiner Mutter Anastasiia*) seit April 2022 im Quartier 16. Papa Vasyl ist seit Juli 2025 in Vöcklabruck.
*) Im Interview vor zwei Jahren wurde der Name „Anastasia“ geschrieben – es handelt sich um dieselbe Person.
Aufgezeichnet von Sr. Johanna Pobitzer und Susanne Sametinger
