Abschied in Kasachstan
Die Bräuche und Rituale rund um den Tod und das Begräbnis eines Menschen in Korneewka und Tonkoschurowka, wo unsere Schwestern leben und arbeiten, sind stark geprägt von der orthodoxen Tradition, auch wenn die Verstorbenen zur katholischen Kirche gehörten, oder keinen Glauben aktiv praktizierten. Verstorbene muslimischen Glaubens werden normalerweise auf dem muslimischen Friedhof in dem Dorf bestattet, aus dem die Familie ursprünglich kommt. Aktuell gibt es in Korneewka keinen muslimischen Friedhof.
Ich habe es als sehr eindrucksvoll erlebt, dass Verstorbene normalerweise bis zum Begräbnis im Haus der Familie bleiben. Bedeckt mit einem weißen Totentuch, auf dem Ikonen der Kreuzigung und Auferstehung Jesu und verschiedene Gebete abgedruckt sind, liegt der/die Tote mit einer kleinen Ikone oder einem Kreuz in den Händen und einem Papierstreifen mit einem Gebet auf der Stirn im offenen Sarg meist im Wohnraum des Hauses. Verwandte, Freunde, Nachbarn und Bekannte sitzen rund um die Uhr um den Sarg und beten, singen oder schweigen gemeinsam – immer wieder unterbrochen durch Mahlzeiten, die sie abwechselnd in einem Nebenraum gereicht bekommen. Es ist ein Kommen und Gehen, ein Verweilen und Trauern, ein Unterstützen der Familie durch einfaches Da-Sein oder durch tatkräftige Hilfe beim Kochen, Servieren und Geschirrspülen. Besonders in der Tradition der Russlanddeutschen, aber auch der griechisch-katholischen Gläubigen gibt es Gebete und Gesänge, die bei der Totenklage nicht fehlen dürfen.
Das Begräbnis findet meist schon am nächsten oder übernächsten Tag nach dem Tod statt. Im offenen Sarg wird der/die Verstorbene vom Wohnhaus zum Friedhof gebracht, in Korneewka und Tonkoschurowka üblicherweise auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens, wo auch die näheren Angehörigen Platz finden. Lautes Klagen und Weinen der Familie oder einer Frauengruppe aus dem Dorf ist auf diesem Weg durchaus üblich. Am Friedhof angekommen wird der Sarg vor dem Eingang abgestellt und geschlossen, nachdem sich die Menschen, die als Zeichen der Trauer weiße Stoffstreifen am Arm tragen, noch einmal von dem/der Toten verabschiedet haben.
Die eigentliche Beerdigung habe ich meistens als sehr schlicht erlebt, mit viel Weihrauch und einigen wenigen Gebeten. Bemerkenswert finde ich, dass auf den orthodox geprägten Friedhöfen jede/r Verstorbene ein eigenes Grab bekommt. Nach orthodoxem Kirchenrecht darf ein einmal verschlossenes Grab nicht mehr geöffnet werden, sondern gilt als heiliger Ort des Wartens auf die Auferstehung.
Eine besondere Rolle spielen beim Totengedenken unmittelbar nach dem Begräbnis und am 9. und 40. Tag nach dem Tod, sowie am Jahrestag das gemeinsame Essen und der Austausch von Erinnerungen. Der erste Bissen, den man beim Totenmahl zu sich nehmen soll, besteht – zumindest in der Region um Korneewka – aus einem Löffel süßen Reis mit Rosinen. Das Reiskorn, das in die Erde gesät wird und die Reispflanze hervorbringt, gilt als Symbol für die Auferstehung. Oftmals ist es üblich, dass die Teilnehmer:innen am Begräbnis am Ende des Totenmahls ein kleines Geschenk erhalten, zB ein Stofftaschentuch oder Ähnliches. Auch im Norden Kasachstans wird der Roditelskij Djen am 9. Tag nach dem orthodoxen Osterfest als allgemeiner Gedenktag für alle Verstorbenen gefeiert. Die Familien besuchen die Gräber ihrer Verstorbenen, bringen Blumen (immer eine gerade Anzahl) und oft auch Essen und Trinken mit. In der Schule Sankt Lorenz ist an diesem Tag schulfrei.
