„Der Tod ist etwas, an das ich nicht glauben kann!“ – Bestatter Jörg Bauer über das Leben, den Abschied und die Kunst des Loslassens
Jörg Bauer ist kein gewöhnlicher Bestatter. Der 57-Jährige betreibt das Bestattungsunternehmen Lichtblick in St. Christophen bei Neulengbach in Niederösterreich. Er hat eine Werbeagentur geleitet, ein Online-Trauerportal gegründet, zwei Jahre in einer Waldhütte gelebt und begleitet heute sterbende Menschen und ihre Familien mit einer Haltung, die verblüfft: Für ihn gibt es keinen Tod. Seine Überzeugungen speisen sich aus Physik, Anthropologie und den unzähligen Stunden, die er an Sterbebetten verbracht hat. Ein Gespräch über Abschied, Freiheit und die Frage, was wirklich bleibt.
Herr Bauer, wie kommen Sie zu Ihrem Beruf?
Da war zunächst ein Mensch, den ich seit meiner Jugend kannte – Manfred. Er war der konsequenteste Mensch, dem ich je begegnet bin. Was er entschied, das lebte er. Das hat mich fasziniert und geprägt. Und dann gab es persönliche Erlebnisse: Meine Mutter ist 2005 gestorben. Das Begräbnis war eine mittlere Katastrophe – ich war so weggetreten, dass ich einfach daneben gesessen bin. Das hat etwas in mir ausgelöst.
Ein Jahr später habe ich ein Online-Trauerportal gegründet, das ich mittlerweile verkauft habe. Dann habe ich meine Werbeagentur geschlossen, mein ganzes Leben umgekrempelt und bin für zwei Jahre in eine Hütte im Wald gezogen. Bis mich ein Freund gefragt hat, ob ich mit ihm eine Bestattung aufmachen will.
Und da haben Sie sofort Ja gesagt?
Nein, ich habe erst gedacht, der spinnt! (lacht) Aber dann haben wir geredet, und irgendetwas hat Klick gemacht. Ich habe immer eine Neigung gehabt, mich mit dem Tod zu beschäftigen – in dem Sinne, dass ich nicht eine Minute daran glauben kann. Der Tod ist das Einzige, an das ich wirklich nicht glauben kann. Physikalisch gesehen geht sich das einfach nicht aus.
Wie meinen Sie das?
Wenn ich davon ausgehe, dass wir ewig sind – und das tue ich -, dann geht sich ein Sterben und Wiederauferstehen einfach nicht aus. Dann kann es nur eine Transformation geben.
Transformation wohin?
Das weiß ich nicht. Die Zeit haben wir Menschen erfunden. Den Raum haben wir erfunden. Aber Energie kann nicht vernichtet werden – das ist Physik, kein Glaube.
Also keine Auferstehung als Jörg Bauer?
Das ist wäre an den Haaren herbeigezogen! Was bin ich denn? Moleküle, die sich gerade in dieser Konstellation befinden. Morgen sind es andere. In zehn Jahren ist kaum eine Zelle von heute noch dabei. Welcher Jörg Bauer soll denn auferstehen? Der mit zwanzig? Mit vierzig? Das, was wirklich ist, lässt sich in keine Körperform pressen. Die Transformation findet statt – aber wohin, das übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Wir wissen alle genau gar nichts. Das ist das Schöne am Menschsein.
Sie begleiten nicht nur als Bestatter, sondern auch persönlich sterbende Menschen. Was erleben Sie dabei?
Bei meinem Vater war es das erste Mal. Er hatte einen aggressiven Krebs – von der Diagnose bis zum Tod vergingen nur neun Monate. Er war sein Leben lang Versicherungsdirektor, hat Erfolg in Zahlen gemessen, und am Ende hat er sich festgehalten. Er hat ständig gedacht, er muss noch etwas erledigen. Er ist wirklich schwer gestorben.
Meine Mutter starb vierzehn Jahre später ebenfalls an Krebs – das war ganz anders. Sie ist einfach davongeflogen. Ich habe die Nacht bei ihr auf der Palliativstation verbracht, wir haben ein Bett hineingestellt. Ich habe ihr gesagt: Mama, wenn du möchtest, dann geh. Und in dieser Nacht ist sie eingeschlafen. Friedlich. Das hat mich tief bewegt und bestätigt: Es macht einen riesigen Unterschied, ob jemand bereit ist oder nicht.
Gibt es Menschen, die dem Tod wirklich in Ruhe entgegensehen können?
Ja, die gibt es. Ich erinnere mich an einen Mann in Wien – er war krebskrank, palliativ betreut. Wir haben bei einem Bier zusammengesessen. Er hat gesagt: Ich habe im Leben alles gehabt. Meinen Damen – Frau und Töchter – geht es gut, das Haus ist gebaut. Er war fertig – im besten Sinne. Kein Hadern, kein Klammern.
Oder eine Dame in einem Pflegeheim im dritten Bezirk in Wien. 79 Jahre alt, seit Jahren schwer krank – ihr Zwerchfell arbeitete kaum noch, schlafen konnte sie nicht mehr, kaum atmen. Als das Sterbehilfegesetz in Kraft trat, hat sie alle nötigen Schritte selbst in die Hand genommen. Beim Gespräch war ich verblüfft: Es war wie ein Kaffeekränzchen. Sie hatte entschieden, und sie war absolut klar dabei. Das Datum stand fest, alles war geregelt. Am Ende hat sie mir noch verschwörerisch zugezwinkert – sie wollte sichergehen, dass nachts niemand kommt und ihr eine Herzmassage verpasst.
Für mich ist der Abschied eine sehr persönliche Sache. Es ist fast alles möglich.
Sie bieten als Bestatter sehr individuelle Abschiedsrituale an. Was heißt das konkret?
Ich biete gar nichts an – die Leute kommen zu mir und fragen, was üblich ist. Und ich sage: Ich habe keine Ahnung, was üblich ist. Bei mir ist der Abschied so, wie ihr ihn gerne hättet oder wie es sich der Verstorbene gewünscht hat.
Wir haben einmal einen Wirt beerdigt. 400 Leute, in der Gastwirtschaft. Seine Urne stand auf einem Bierfass, so hat er es gewollt. Danach wurde er hinten im Garten begraben. Oder eine alte Freundin, 93 Jahre: Sie hat sich gewünscht, in ihrem Garten Abschied zu nehmen, umgeben von Rosen. Wir haben die Genehmigung geholt und es genau so gemacht. Die Familie war dabei, hat gegrillt, am Sarg gesessen, Erinnerungen geteilt. Dann haben wir den Sarg ins Krematorium gebracht.
Wir malen auch auf die Särge – Kinder schreiben drauf, Erwachsene auch. Bei manchen bleibt kein Fleck mehr frei. Das ist ein zutiefst spiritueller Moment, auch wenn es einfach klingt. Das ist das Gute an den preiswerten Särgen: Sie sind nicht lackiert, da hält die Farbe.
Sie sind auch dafür bekannt, besonders günstige Bestattungen anzubieten.
Meine Tochter sagt immer, ich schieße mir ständig selbst ins Knie (lacht). Aber ich schaue morgens in den Spiegel und freue mich, wie ich bin. Es geht mir ums Recht-Tun. Manfred hat immer gesagt: Jörg, wir bringen hier nichts her und nehmen nichts mit. Passe auf deinen Charakter auf.
Sie schreiben auf Ihrer Website: Immer mehr zu dem zu werden, was ich bin, ist mein einziger Wille. Wer ist Jörg Bauer?
Die wichtigste Eigenschaft des Menschen ist für mich das Mitgefühl. Weil es uns wirklich von anderen Lebewesen unterscheidet. Solange ich mich noch ärgere, werde ich zum Ärger. Solange ich gegen irgendetwas bin, werde ich zum Gegner. Erst wenn ich das überwunden habe, fühle ich mich fertig für die Transformation (lacht). Das ist hoffentlich noch ein Weilchen hin.
Was mir heute wichtig ist: gute Gespräche, gute soziale Kontakte, das Alleinsein. Und fit bleiben – ich trage Särge, ich hole Leute ab, ich bin dabei. Das hält mich geerdet.
Was würde sich ändern, wenn wir als Gesellschaft bewusster mit dem Tod umgingen?
Wenn acht Milliarden Menschen wirklich begreifen würden, dass die Zeit hier endlich ist, dass wir alle dieselbe Transformation vor uns haben, dann hätten wir morgen Weltfrieden. Ganz einfach. Wer weiß, dass er vergänglich ist, kämpft nicht mehr um Grenzen und Macht.
Blicken Sie Ihrer eigenen Vergänglichkeit gelassen entgegen?
Aus heutiger Sicht: ja. Ich habe mir nichts versagt, ich habe alles gemacht, alles erlebt. Ich bin schon im Wiederholen (lacht). Natürlich weiß ich nicht, wie es ist, wenn man eine Diagnose bekommt, das sage ich ganz ehrlich. Aber ich weiß, wie es gehen kann.
Zu meiner Tochter habe ich gesagt: Schatz, es ist mir vollkommen egal, was du mit mir machst. Tu das, was euch guttut. Ich bin dann sowieso schon überall.
Jörg Bauer: „Wenn acht Milliarden Menschen wirklich begreifen würden, dass die Zeit hier endlich ist, hätten wir morgen Weltfrieden.“
Foto ©Maria Hörmandinger
Interview: Susanne Sametinger

