Bruder Tod?
„Leiden“, „Tod“, „sterben“ – diese Worte gehen uns nicht leicht über die Lippen. Wir wissen: Etwas ist endgültig. Ein Mensch ist gestorben. Da wird mir bewusst, wie zerbrechlich unser Leben ist und wie wenig wir es in der Hand haben.
Vieles können wir planen, vorsorgen, medizinische Hilfe suchen und das Leben absichern. Aber irgendwann kommt der Augenblick, an dem wir alles loslassen müssen – ob wir wollen oder nicht, ob wir bereit sind oder uns schwertun.
„Gelobt seist du, mein Gott, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod, dem kein Mensch lebend entrinnen kann.“
schrieb der hl. Franz von Assisi im Sonnengesang. Wie kann er den Tod Bruder nennen? Den Tod, der uns Menschen nimmt, die wir lieben, eine Lücke hinterlässt und uns sprachlos macht? Franziskus sagt nicht: Der Tod ist schön, der Tod tut nicht weh. Er sagt: Der Tod gehört zu uns wie ein Bruder. Er gehört zur großen Schöpfung, in der alles Anfang und Ende hat. Er verharmlost ihn nicht und verklärt das Sterben nicht romantisch. Franziskus schrieb den Sonnengesang in schwerer Krankheit, als er selbst nahezu vollständig erblindet dem eigenen Tod nahe war. Er will uns helfen, anders auf Tod und Sterben zu schauen.
Der Bestatter Jörg Bauer erzählt in der aktuellen Ausgabe unseres FranziskanerinnenMagazins von Menschen, die dem Tod – als Bruder Tod – ruhig entgegengegangen sind: frei, bereit, dankbar und gelassen. Diese Erfahrung durfte ich auch bei Mitschwestern machen. Für mich ein wunderbares Geschenk!
Den Tod anzunehmen, wo Tränen fließen, nicht wegsehen, sondern dabeibleiben, auch wenn die Worte fehlen: Das kann eine kostbare Zeit für alle sein.
Abschiednehmen braucht Zeit. Sie erinnert uns daran, dass auch im Tod die Würde bleibt. Trauer und Leid brauchen keine schnellen Antworten und keine Sätze wie: Du musst nach vorne schauen. Wohin soll jemand schauen, wenn gerade ein Mensch gegangen ist, der gestern noch da war? Oder wenn die Krankheit nicht heilbar ist? Da braucht es Raum und Zeit. Es kann helfen, Menschen anders zu begleiten.
Franziskus beginnt seinen Sonnengesang mit einem Lob. Er schaut auf die Welt und sagt: Danke! Danke für Sonne, Wasser, Feuer, Erde und Menschen – und dann, am Ende, kommt der Tod. Franziskus nimmt den Bruder Tod mit. Vielleicht, weil er verstanden hat:
Das Leben ist nicht unser Besitz. Es ist Geschenk! Wir dürfen darin lieben, lachen, weinen und uns begegnen. Irgendwann kommt der Moment, an dem wir das Geschenk wieder aus der Hand geben.
Was macht der Gedanke an unseren Tod mit unserem Leben heute? Macht er uns dankbarer? Lässt er uns erkennen, wie kostbar ein gewöhnlicher Tag ist? Möchten wir mit jemandem sprechen, mit dem wir lange keinen Kontakt hatten? Oder jemandem sagen: „Gut und schön, dass es dich gibt.“ Denn morgen können wir diese Worte vielleicht nicht mehr sagen.
Vielleicht liegt darin etwas zutiefst Franziskanisches. Franziskus lebte mit offenen Händen. Er wollte weder Besitz noch Macht festhalten, ja nicht einmal das eigene Leben. Denn er wusste: Alles, was wir festhalten wollen, wird uns irgendwann genommen.
Was wir dankbar empfangen haben, kann uns niemand nehmen: eine herzliche Begegnung, ein gutes Wort, Liebe und Erinnerungen. Die Einmaligkeit des Lebens bleibt auch im Sterben; jeder Mensch hat seinen eigenen Zugang dazu.
Als Christen glauben wir, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Das letzte Wort heißt nicht Tod, sondern LEBEN in Fülle.
Ich wünsche uns den Mut, über Tod und Sterben zu sprechen, die Angst davor nicht zu verdrängen und zugleich das Leben bewusster zu gestalten und zu feiern – mit Nähe und Abschied, Tränen und Hoffnung, Loslassen und Vertrauen. Vielleicht wird aus diesem Blick auf den Tod wieder das, womit der Sonnengesang begonnen hat: „Laudato si“ – Gelobt seist du!
Sr. Angelika Garstenauer
Generaloberin Sr. Angelika Garstenauer (c) Hiva Naghshi
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