„Dem Tag mehr Leben geben, nicht dem Leben mehr Tage“

Ein Besuch im Sankt Barbara Hospiz in Vöcklabruck

„Wollen wir uns setzen?“ Leo deutet auf zwei Gartenstühle, klopft die Sitzpolster aus, rückt sie zurecht. Wir nehmen Platz. Es ist spätsommerlich warm, der weitläufige Garten strahlt Ruhe aus. „Ich habe ein schönes Leben gehabt“, meint Leo. Er spricht leise, lässt sich Zeit. „Insgesamt habe ich nicht viel ausgelassen. Jetzt will ich einfach keine Schmerzen. Und solange ich noch gehen, essen und denken kann, hat das Leben hier noch einen Sinn.“

Leo, der seinen Nachnamen lieber nicht im FranziskanerinnenMagazin lesen möchte, lebt seit März im stationären Sankt Barbara Hospiz in Vöcklabruck. Er bewohnt eines der acht Einzelzimmer, die nach den Seen des Salzkammerguts benannt sind. Sie sind hell, freundlich und doch ausgestattet mit allem, was man zur Pflege schwerkranker Menschen braucht. Peter Wimmer, erfahrener diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger und Leiter des stationären Hospizes und des Tageshospizes in Vöcklabruck, zeigt auf einen kleinen Tisch vor einem der Zimmer. Darauf ein bemalter Stein, eine Kerze, ein Glas mit Blumen, liebevoll arrangiert. „Die Dame ist gestern verstorben“, sagt er. Auch vor der Tür des Zimmers gegenüber erinnert ein Gedenktisch an den kürzlich verstorbenen Bewohner. Das Sterben ist hier sehr präsent. Peter Wimmer öffnet die Tür zum leeren Zimmer. Am Bett liegt eine bunt bemalte Decke – „die haben wir selbst gemacht“ – dahinter an der Wand hängen viele Fotos. In einer Ecke steht ein gemütlicher Sessel, auf der Kommode liegen noch persönliche Dinge des Verstorbenen, die die Angehörigen in den nächsten Tagen abholen werden. „Wir haben keinen Stress“, sagt Wimmer. „Rituale, Innehalten, Andenken sind uns wichtig. Bei uns stehen die Bewohnerinnen und Bewohner im Vordergrund. Immer! Sofern wir ihre Wünsche erfüllen können, tun wir das. Auch die Bedürfnisse der Angehörigen sind uns wichtig. Wir tauschen uns aus, stellen ein Bett ins Zimmer, wenn sie hier schlafen möchten.“ Wimmer öffnet die Jalousien, wir setzen uns auf die Terrasse vor dem Zimmer. Leo, der auf der Nebenterrasse in der Sonne sitzt und den Blick in den Garten genießt, hebt die Hand zum Gruß. Reife Äpfel liegen in der Wiese unter alten Apfelbäumen.

Standortleiter DGKP Peter Wimmer: „Bei uns stehen die Bewohnerinnen, die Bewohner im Vordergrund. Immer!“

„Es ist gut hier“, wird Leo später erzählen. „Man hört nie ein grantiges Wort. Man kann so schön spazieren gehen im Garten, auch wenn es regnet. Und das Essen ist sehr gut. Wie im 5-Sterne-Hotel – nur, dass mich dort niemand fragt, wie es mir geht.“ Er lächelt.

Wer ins Sankt Barbara Hospiz kommt, weiß, worum es geht. „Die Menschen, die bei uns einziehen, haben keine lange Lebenserwartung mehr“, sagt Wimmer. Im Hospiz werden keine lebensverlängernden Therapien und Reanimationen durchgeführt. „Unser ganzes Tun und Sein richtet sich darauf, den Bewohnerinnen und Bewohnern hier den Tag so schön wie möglich zu gestalten. Und wir reden mit ihnen auch über den Tod, über das Sterben.“ Er persönlich habe gelernt, mit dem Sterben gut umzugehen. „Die Arbeit hier hat meine Einstellung zum Leben verändert“, sagt Wimmer. „Ich lebe jetzt im Heute, verschiebe nichts mehr. Und ich mache mir seltener Gedanken darüber, was andere von mir denken. Oft sehe ich Sterbende, die ihre Dinge noch nicht in Ordnung gebracht haben. Mir ist es deshalb wichtig, alles geregelt zu wissen. Meinen Eltern habe ich zu Ostern einen Lebensende-Planer[i] geschenkt und sie gebeten, sich damit zu beschäftigen. Es ist einfach gut, wenn man weiß, dass die Dinge nach dem Tod geregelt sind. Unabhängig vom Alter!“

Dinge zu klären – nicht nur organisatorische, sondern auch zwischenmenschliche, sei ein großes Thema, wenn das Leben zu Ende geht. „Wenn etwa Konflikte offen sind, belastet das die Menschen sehr – und dennoch trauen sich manche auch in ihrer letzten Lebensphase nicht, sie aufzulösen.“ Eine wichtige Rolle komme hier auch der Seelsorgerin im Hospiz Alexandra Freinthaler zu. Sie spreche vieles direkt an, etwa die Kleidung, die nach dem Tod getragen werden soll. „Die Zugänge sind hier sehr unterschiedlich“, erzählt Wimmer. „Manche Menschen sind sehr offen, andere wollen nicht darüber reden, obwohl ihnen klar ist, in welcher Situation sie sind. Den Betroffenen und auch den Angehörigen fällt es oft schwer, die Situation auszusprechen. Sie sprechen sie nicht aus und tun so, als würde der Betroffene wieder gesund. Sie wollen sich gegenseitig beschützen.“ Manche Menschen würden auch mit ihrem Schicksal hadern – auch religiöse, die ihr Leben in den Dienst Gottes gestellt haben. „Sie stellen nicht das Sterben infrage, sondern ihre schwere Erkrankung und das damit verbundene Leid“, sagt Wimmer.

Sterben sei nicht immer friedvoll. „Manchmal kann es auch ein Kampf sein. Ich denke, das liegt vor allem an schwierigen Lebensgeschichten, die noch nicht aufgearbeitet sind, und der Körper spielt nicht mehr mit. Wir haben medizinisch viele Möglichkeiten, den Menschen die Angst etwas zu nehmen und sie zu unterstützen. Aber diese Grundangst, dass irgendetwas noch nicht erledigt ist, die bleibt.“

Fast alle Menschen spüren, wenn ihr Leben zu Ende geht. „Sehr beeindruckt hat mich eine schwerkranke Dame, die sich unser Hospiz kurz nach der Eröffnung angesehen hat. Sie wollte nicht zu Hause sterben, in Begleitung ihres 17-jährigen Sohnes. Die Erkrankung ist dann relativ rasch fortgeschritten und sie kam in einem sehr schlechten Zustand zu uns. Am nächsten Tag ist sie verstorben. Sie hat gewusst, dass es sich ausgehen würde, zum Sterben ins Hospiz zu kommen.“

Wie der Abschied aus dem Leben schließlich abläuft, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Manche Menschen brauchen die Begleitung – ein Händehalten oder die freundliche Stimme eines lieben Angehörigen. Andere können erst gehen, wenn sie allein sind. „Wir erleben immer wieder, dass Angehörige rund um die Uhr bei den Sterbenden sind. Wenn sie dann doch einmal kurz das Zimmer verlassen, können die Betroffenen aus dem Leben scheiden.“

„Ein Hospiz ist ein Ort, an dem man gut leben darf“, lautet der Leitsatz der Einrichtungen der St. Barbara Hospiz GmbH. „Ich sterbe bald, deshalb bin ich hergekommen“, sagt Leo. „und dass ich hierher gekommen bin, und nicht anderswohin – das ist ein Glück.“

[i] Der Rest ist Schweigen – Lebensende-Planer der Hospizbewegung Vöcklabruck. Kostenlos zum Download oder ausgedruckt erhältlich im Büro der Hospizbewegung Vöcklabruck (freiwillige Spende erbeten).

Die St. Barbara Hospiz GmbH begleitet unheilbar kranke Menschen sowie ihre Angehörigen in der letzten Lebensphase. Drei Hospizstandorte in Linz, Ried und Vöcklabruck verfügen über insgesamt 24 stationäre Plätze. In Linz und Vöcklabruck stehen außerdem 12 Plätze für Gäste im Tageshospiz zur Verfügung; am Standort Ried befindet sich das Tageshospiz noch in Planung. Zwei weitere Standorte in Steyr und Thalheim bei Wels sollen in Kürze eröffnet werden.

Träger sind die Barmherzigen Brüder Linz, die Elisabethinen Linz-Wien, die Franziskanerinnen von Vöcklabruck, die Kreuzschwestern Europa Mitte, die OÖ Gesundheitsholding, das Rote Kreuz Oberösterreich und die Vinzenz Gruppe. Der Betrieb erfolgt im Auftrag des Landes Oberösterreich.

Das Hospiz im Haus St. Klara in Vöcklabruck nahm im Mai 2025 seinen Betrieb auf. 16 Pflegepersonen, zwei Mitarbeitende aus der Sozialarbeit und zwei Reinigungskräfte kümmern sich dort um das Wohl der Bewohnerinnen, Bewohner und Tageshospizgäste.

Das ehemalige Seminar- und Exerzitienhaus der Franziskanerinnen beherbergt heute mehrere soziale Einrichtungen: eine Krabbelstube, das stationäre Hospiz und das Tageshospiz, ein medizinisches Primärversorgungszentrum sowie Büros verschiedener sozialer Einrichtungen. Auch die Hospizbewegung Vöcklabruck und das Mobile Palliativteam Salzkammergut sind dort untergebracht. Damit ist ein vielseitiger Ort der Fürsorge, Begegnung und Unterstützung für Menschen jeden Alters entstanden.

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