Franziskus und die Demut – Hinuntersteigen, um zu wachsen?

September 2026

 

Raoul Mansellis Buch „Franziskus, der solidarische Bruder“ enthält eine Legende, die zum heutigen Thema passt: „Von der wahren Freude“. Er bringt sie nicht in der schönen italienischen Prosa aus den fioretti, sondern wählt eine Übertragung aus einer wohl älteren lateinischen Fassung, die holpriger und auch härter ist, aber wahrscheinlich den Geist des Franziskus authentischer abbildet.

Mit dieser Legende nähern wir uns dem eigentlichen Zentrum seines Denkens und Wirkens: Es geht um die Demut, um die minoritas.

 

Einige Auszüge aus der Legende:

 

Franziskus und Leo waren miteinander in der Nähe von Portiunkula. Franziskus diktierte Leo:

„Schreibe“, sagte er, „was die wahre Freude ist. Es kommt ein Bote und sagt, dass alle Magister von Paris zum Orden gekommen sind. Schreibe: Das ist nicht die wahre Freude. Ebenso, alle Prälaten jenseits der Alpen, die Erzbischöfe und Bischöfe (…). Schreibe: Das ist nicht die wahre Freude. Ebenso, dass meine Brüder zu den Ungläubigen gegangen sind und sie alle zum Glauben bekehrt haben (…).

Ich sage dir, dass in all dem nicht die wahre Freude ist. Was aber ist die wahre Freude?

Ich kehre von Perugia zurück, und in tiefer Nacht komme ich hierher, und es ist Winterszeit, schmutzig und so kalt, dass die kalten Wassertropfen am Saum des Habits gefrieren und immer an die Schienbeine schlagen, und das Blut aus diesen Wunden fließt. (…) ich komme zur Pforte, und nachdem ich lange geklopft und gerufen habe, kommt der Bruder und fragt: „Wer ist da?“ Ich antworte: „Bruder Franziskus“. Und er sagt: „Geh fort! Es ist nicht die schickliche Zeit auszugehen. Du kommst nicht herein.“

(…) Und ich stehe an der Pforte und sage: „Um der Liebe Gottes willen, nehmt mich auf in dieser Nacht.“ Und jener antwortet: „Das werde ich nicht tun. Geh zur Niederlassung der Kreuzträger und bitte dort.“

Ich sage dir: Wenn ich Geduld habe und nicht erregt werde, dass darin die wahre Freude ist, die wahre Tugend und das Heil der Seele.

 

Immer, wenn ich diese Geschichte höre oder lese, stelle ich mir vor, wie Franziskus durchfroren und durchnässt vor dem Kloster steht, und denke mir: Wie würde ich reagieren?

Für Franziskus besteht die wahre Freude im Annehmen seiner Existenz am Rande der Gesellschaft und im Annehmen der eigenen Mitbrüder, die den Begründer ihrer Bruderschaft nicht erkennen oder erkennen wollen. Seine Schlussworte zeigen, dass er sehr gut weiß, wie viel es kostet und wie mühsam es ist, das gelassen zu ertragen und auszuhalten. Darin liegen für ihn die wahre Freude und das Heil der Seele.

Die Legende von der wahren Freude ist unserem heutigen Denken besonders fremd. Wir reden eher von Selbstverwirklichung als vom „Sich-hintenanstellen“ oder „Hinuntersteigen“.

Alles, was für unser Verständnis von einem gelungenen Leben wichtig ist – Erfolg, Anerkennung, Ansehen und das Gelingen von Projekten –, steht bei Franziskus unter dem Titel „Nicht die wahre Freude“.

Die wahre Freude erwächst für ihn aus den gegenteiligen Erfahrungen, wie sie auch Jesus gemacht hat: Misserfolg, Ablehnung, Verachtung und Geringschätzung.

Franziskus, der die Bruderschaft begründet hat, wird der Zutritt zur Niederlassung in Portiunkula verweigert – von den eigenen Mitbrüdern!

Das ist sicher keine historische Tatsache, sondern eine Legende. Aber Legenden haben fast immer einen historischen Kern.

Franziskus fühlte sich, obwohl er für die Bruderschaft verantwortlich war, vor allem in den letzten Lebensjahren oft abgelehnt und ausgegrenzt, überholt und überflüssig. Genau diese Erfahrung ist gemeint, wenn er von minoritas und vom Erlernen der Demut spricht. Er verortet sich und seine Bruderschaft „ganz unten“. Seine Brüder sind mindere Brüder. Das hat für ihn strukturelle Konsequenzen: Er ist nicht Vorgesetzter, Prior oder Abt, sondern „piccolino vostro fra Francesco“ – euer ganz kleiner Bruder Franziskus.

Darum gibt es in der Leitung der Bruderschaft „Guardiane“ und „Minister“ – Beschützer und Diener. Denn in seiner Bruderschaft soll es keine Herrschaft und keine Über- und Unterordnung geben. Das legt er in der Regel von 1221 fest.

Franziskus sträubt sich zudem mit allen Kräften dagegen, dass Mitbrüdern das Bischofsamt verliehen wird. Er setzt sich nicht durch; nach seinem Tod werden Minderbrüder auch Päpste. Warum will er das nicht? Sein Vorbild ist der arme, niedrige, erniedrigte Christus, der sich entäußert und Knechtsgestalt annimmt. Demut und Selbstverleugnung als Nachahmung Christi – das ist das Lebensprogramm des Franziskus, das ihn innerlich wachsen lässt, über sich selbst hinaus.

Nicht die Armut macht die Bewegung des Franziskus zu etwas Besonderem; Armut gilt ja für alle Mönche. Es ist dieses Ganz-unten-Sein, dieses Hinuntersteigen, das die frühe franziskanische Bruderschaft unverwechselbar macht. Diese Einstellung öffnet ihnen die Türen zu den Menschen am Rande der Gesellschaft. Nicht vom hohen Ross herab sollen die Minderbrüder mit den Menschen reden, sondern auf Augenhöhe – darum auch das Reitverbot für die Minderbrüder, das auch heute noch gilt!

So frage ich mich: Wo stehe ich? Wo stehen wir als Gemeinschaft? Wo stehen wir als Kirche? Wo stehen die Verantwortlichen in unserem Staat?

Ich kann nur für mich reden: Es gibt Entwicklungspotenzial nach unten. Hinuntersteigen, um zu wachsen – in der Nachfolge des armen Christus.

Wahrscheinlich ist das ein Lebensprogramm.

Sr. Teresa Hametner

Statue des hl. Franziskus von Fiorenzo Bacci - Einsiedelei Carceri
Statue des hl. Franziskus von Fiorenzo Bacci - Einsiedelei Carceri

Statue des hl. Franziskus von Fiorenzo Bacci – Einsiedelei Carceri

© Franziskanerinnen

„Mein Gott und mein Alles“ – bekanntes Stoßgebet des hl. Franziskus.
„Mein Gott und mein Alles“ – bekanntes Stoßgebet des hl. Franziskus.

„Mein Gott und mein Alles“ – bekanntes Stoßgebet des hl. Franziskus.

© Franziskanerinnen

Verwendete Literatur:

Quellen:

Manselli, Raoul: Franziskus, der solidarische Bruder, Herder 1989.

 

Reblin, Klaus: Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006.

Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?

Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!

Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.

[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.

Sr. Teresa Hametner, Generalvikarin

(c) Zopf

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