Franziskus, der Asket: Inspiration oder Extrem?
Oktober 2026
Es gibt einen besonderen Bereich im Leben des Franziskus, der mir, seit ich davon weiß, unverständlich und zum Großteil unerschlossen ist. Manchmal blitzt eine Ahnung auf, aber letztlich weiß ich nicht so recht, wie ich die Art und Weise verstehen soll, wie Franziskus mit seinem Körper und damit auch mit seiner Gesundheit umgegangen ist.
In vielen Geschichten wird berichtet, dass Franziskus es ablehnte, unter Decken in einem Bett zu schlafen. Er habe es oft vorgezogen, sitzend auf dem Boden zu schlafen, und wenn er einen Kopfpolster wollte, nahm er ein Stück Holz oder einen Stein.
Diese Berichte entsprechen durchaus den damaligen traditionellen asketischen Idealen. In dieser Hinsicht war Franziskus ein Kind seiner Zeit.
Kritischer zu betrachten sind für mich seine Selbstkasteiungen und seine Art zu fasten. Selbst wenn er krank war – und das war er im Laufe seines Lebens sehr oft –, erlegte er sich übermenschliche Entbehrungen auf, wie seine Biografen Thomas von Celano und Bonaventura von Bagnoregio berichten.
Für mich steht außer Frage, dass Franziskus mit seinem oft seltsamen Verhältnis zum eigenen Körper in der langen Tradition der Leibfeindlichkeit steht. Aber woher kommt diese Haltung?
Er selbst sieht sich als Nachfolger Jesu und der Apostel – und die Bibel ist nicht leibfeindlich eingestellt! Denken wir an Paulus, der vom Körper des Menschen sogar als „Tempel des Heiligen Geistes“ spricht.
Wahrscheinlich finden sich die Wurzeln seiner Einstellung in den dualistischen Lehren der Gnosis und des Manichäismus: Sie sehen den Leib als Gefängnis der Seele und als Hindernis für ihre Entfaltung. Dieser Leib-Seele-Dualismus prägte auch die christlichen Kirchen; so dürfte Franziskus immer wieder damit in Kontakt gekommen sein.
Aus dieser Haltung heraus nimmt Franziskus eine scharfe Trennung zwischen seinem Ich und seinem Körper vor. Er spricht manchmal von ihm als einem Knecht, manchmal als einem Pferd, das die Sporen braucht, oder als einem trägen Esel, der auf den Stachel wartet.
Im Extremfall wird der Leib zum Feind, der – mit Fasten und Geißeln – bekämpft werden muss.
Sicher spielt im Umgang des Franziskus mit seinem Körper auch seine Neigung zum Extremen und Exzentrischen eine Rolle, auf die viele seiner Gefährten immer wieder mit Unverständnis reagieren.
In seinen letzten Lebensjahren ändert sich dies. So heißt es in der Dreigefährtenlegende: „Als der Tag seines Todes näherkam, bekannte Franziskus, er habe zu viel gegen seinen Bruder Esel, gegen seinen Leib gesündigt.“
Noch deutlicher bringt Thomas von Celano den sich abzeichnenden Sinneswandel zum Ausdruck, wenn er einen Gefährten des Franziskus zu Wort kommen lässt, der ihm ins Gewissen redet: „Welchen Dienst hättest du für Christus tun können ohne die Hilfe deines Leibes?“
Die Antwort des Heiligen:
„Ich gestehe, mein Sohn, das ist wirklich wahr (…) Gesegnet seist du! Denn du hast meinen Skrupeln eine sehr heilsame Medizin verabreicht.“
Dann wendet er sich an seinen Leib: „Freue dich, Bruder Leib, und vergib mir! Von nun an will ich gern deine Wünsche erfüllen, gern beeile ich mich, deinen Beschwerden abzuhelfen und deinem Verlangen nachzukommen.“ (Celano II, 211)
Diese Einsicht reift spät, zu spät, denn die Schäden, die er seinem Körper im Laufe der Jahre zugefügt hatte, sind am Ende nicht mehr gutzumachen. Aber die Berichte aus den letzten Lebensjahren zeigen einen sehr feinfühligen Franziskus, der weiß, dass jeder Bruder eine andere körperliche Konstitution hat und die Fastenleistungen nicht bei allen gleich sein können.
Diese „anderen“ letzten Lebensjahre relativieren meine kritischen Fragen zur Askese des Franziskus nicht. Sie bleiben gültig, weil es keinen Dispens von der Verantwortung des Menschen für seinen Körper gibt. Aber sie beruhigen mich ein bisschen, weil ich wahrnehme, dass Franziskus bereit war, seine Einstellung seinem Körper gegenüber zu verändern.
Franziskus wurde vierundvierzig Jahre alt – dann hatte das ewige Fasten ein Ende.
In Abwandlung eines Gedichts des Schweizer Dichters Kurt Marti könnte es über Franziskus heißen:
„Dem Herrn, unserem Gott, hat es ganz und gar nicht gefallen, dass er mit vierundvierzig starb (…)“
Wie gehe ich mit meinem Körper um?
Wozu inspiriert mich die asketische Einstellung des Franziskus?
Sr. Teresa Hametner
Statue ders hl. Franziskus im Innenhof des Klosters in Fonte Colombo
(c) Sr. Teresa Hametner
Bett des hl. Franziskus“, Carceri
(c) Sr. Ida Vorel
Verwendete Literatur:
Quellen:
Reblin, Klaus: Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006.
Franziskusquellen, Hg.: Berg Dieter und Lehmann Leonhard, Butzon & Bercker, 2009.
Marti, Kurt: Leichenreden. Herausgegeben von Bigna Hauser, Wallstein 2025.
Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?
Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!
Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.
[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.


