Sr. Agnes Mareczek: „Ohne Vertrauen hätte ich keinen Schritt gehen können.“
Berufung im Gegenwind
Flucht, Verlust, politische Repression – und dabei eine erstaunliche innere Klarheit: Sr. Agnes Mareczek wurde 1944 im polnischen Jarocin geboren. Der Krieg riss den Vater aus der Familie, die Ostfront trieb Mutter und Kinder in die Flucht, später wuchs sie in der DDR auf. Früh entschied sie sich, den Glauben nicht zu verstecken – und spürte in Zeiten persönlicher und gesellschaftlicher Brüche eine Berufung, die sie nicht mehr losließ.
Sr. Agnes, Sie sind in Jarocin in Polen geboren – wie kommt Ihre Familie dorthin?
Meine Vorfahren sind Mitte des 18. Jahrhunderts aus Böhmen und Mähren – heute Tschechien – in die heutige Ukraine ausgewandert. Damals war das Russland. Zarin Katharina hat viele Deutsche „rübergeholt“. Meine Familie hat dort rund 175 Jahre gelebt, bis nach dem Stalin-Hitler-Pakt 1939 dieses Gebiet an Russland abgetreten wurde und Deutschland den sogenannten polnischen Korridor erhielt, wo auch Jarocin liegt. Dort haben sich meine Großeltern niedergelassen.
Ihr Vater war Bahnbeamter…
Er wurde versetzt, zuerst nach Passau, dann nach Magdeburg. Im Februar 1942 gab es einen schweren Bombenangriff auf Magdeburg. Meine Mutter ging zur Entbindung zu den Großeltern, und im Mai 1944 wurde ich in Jarocin geboren. Mein Vater fiel ein paar Monate später, im September. Er wusste, dass es mich gibt – gesehen hat er mich nie.
Dann musste die Familie flüchten…
Ende 1944 kam die Ostfront näher. Man sagte, wir sollten für vierzehn Tage packen – „nach dem Endsieg“ könne man zurück. Der kam natürlich nie. Wir sind weiter geflüchtet bis in die heutige Tschechei. Dort haben wir den Zusammenbruch erlebt. Wir hatten kaum etwas.
Ihr Leben beginnt mit Umsiedlung und Flucht. War Vertrauen für Sie damit schwierig?
Absolut nicht. Meine Schwester und ich haben eine Mutter erlebt, die sich für uns „abgerackert“ hat. Das war für mich Grundvertrauen. Wir sind streng erzogen worden, ja. Aber es war immer spürbar: Sie tut das aus Liebe. Ich glaube, ich hätte mich Menschen nicht so bedingungslos zuwenden können, wenn ich das nicht so erlebt hätte.
In der DDR hatte Religion wenig Platz. Bei Ihnen war der Glaube trotzdem präsent. Wie kam es dazu?
Meine Großeltern waren sehr fromm. Der Großvater betete am Abend mit allen Kindern kniend den Rosenkranz. Bei uns gab es Andachten, meine Mutter betete jeden Abend. In unserem Dorf wurde der „lebende Rosenkranz“ gebetet: Frauen verpflichteten sich, täglich ein Gesätz zu beten, sodass jeden Tag der ganze Rosenkranz gebetet wurde.
Mussten Sie das verheimlichen?
Nein. Ich war in der Klasse das einzige katholische Mädchen und bin nicht zu den Pionieren gegangen und später auch nicht zur FDJ[1]. Das habe ich mit sechs Jahren entschieden – und durchgehalten. Ich musste am Anfang jedes Schuljahres erklären, warum ich nicht hingehe. Auch an der Jugendweihe habe ich nicht teilgenommen. Da wurde viel Druck ausgeübt, manche Kinder sind weinend hingegangen, weil sonst Konsequenzen drohten. Mein Klassenlehrer wusste, dass ich sonntags in die Kirche gehe. Er hat mich nicht traktiert. Er war bei meiner Mutter, und sie hat klar gesagt: „Sie geht nicht zur Jugendweihe.“[2] Damit hatte ich Ruhe.
Sie waren sehr jung, als Sie Ihren Weg selbst in die Hand genommen haben…
Mit 14 bin ich von zu Hause weggegangen. Meine Mutter wollte, dass ich Stenotypistin werde – das war nichts für mich. Ich wollte Krankenschwester werden, war aber noch zu jung. Über die Caritas kam ich in eine kirchliche Aspirantur in Magdeburg. Dort ging es nicht nur um Hauswirtschaft als Vorstufe für soziale Berufe, sondern auch um Werte und Glauben. Wir hatten Gottesdienste, Predigten, monatlich eine eucharistische Anbetung. Und ich habe dort schon mit vierzehn meine ersten Exerzitien gemacht.
Wann kam die Berufung, Ordensschwester zu werden?
In einer Gebetszeit – und in Exerzitien – war da dieses innere Hinziehen. Ich wollte es eigentlich nicht. Ich wollte heiraten, Kinder bekommen. Ich habe es ein Jahr weggeschoben. Aber es kam wieder, stärker. So, als würde jemand die Hand auf die Schulter legen und sagen: „Das ist dein Weg.“
Ich habe dann – wie Franziskus – dreimal die Bibel aufgeschlagen. Und für mich war das Ergebnis jedes Mal eindeutig: Das ist mein Weg. Am nächsten Tag bin ich zur Oberin gegangen und habe mich angemeldet. Ich war noch nicht volljährig und hatte es mit meiner Mutter nicht besprochen.
Wie hat Ihre Mutter reagiert?
Sie ist aus allen Wolken gefallen. Sie hat versucht, es mir zu verbieten. Ich bin im August 1960 eingetreten. Zu Weihnachten schrieb sie mir einen Brief, in dem sie mir sagte, dass sie sich damit abfinde … Damit bin ich zur Novizenmeisterin gelaufen. Für mich war das das größte Weihnachtsgeschenk.
Ihre Einkleidung als Novizin fiel fast genau mit dem Mauerbau zusammen.
Genau, Am 15. August wurden wir eingekleidet, zwei Tage davor, am 13. August 1961, hat der Mauerbau begonnen. Wir waren gerade in Exerzitien. Mit einem Mal war alles abgeschnitten. Ich war trotzdem entschlossen zu bleiben.
Ihre Mutter und Ihre Schwester lebten im Westen…
Meine Schwester starb 1963 bei der Geburt ihres zweiten Kindes. Sie war 24. Ich durfte nicht zur Beerdigung. Ich hatte den Koffer gepackt – aber es war klar, ich darf nicht fahren. Ich bekam die Nachricht per Telegramm. Das war eine Tragödie. Und doch habe ich im Nachhinein verstanden: Wenn ich hätte fahren können, wäre ich vermutlich nicht im Kloster geblieben. Ich hätte meine Mutter nicht allein gelassen.
Später haben Sie die Mutter dann zu sich geholt – Wie gelang das?
Sie wurde krank. 1979 versuchte ich, eine Erlaubnis zu erhalten, aus der DDR auszureisen, um sie zu besuchen. Das war ein Kampf mit Bescheinigungen und Formulierungen. Ein Arzt unterschrieb nicht, weil er sagte, sie sei nicht mehr lebensgefährdet – damit konnte ich nicht fahren. Erst später, mit einem Attest vom Hausarzt, konnte ich rüber und in sehr kurzer Zeit alles organisieren: Haushalt, Versorgung, wer bringt die Mutter bis zur Grenze. Sie war nicht transportfähig und brauchte Begleitung – das fanden wir über den Caritasverband. In Westberlin, am Grenzübergang im „Tränenpalast“, habe ich sie in Empfang genommen.
Konnte sie im Kloster mitleben?
Sie war zu krank. Wir konnten sie im Altenheim aufnehmen, das über unserem Krankenhaus lag – eine kleine Etage mit 18 Bewohnerinnen und Bewohnern. So konnte ich sie begleiten. Und dann begann ein weiterer rechtlicher Kraftakt: Einbürgerung, Zusicherungen, dass sie keinen Wohnraum und keine Pflege beansprucht. Möglich war das auch, weil sie Rentenansprüche in der DDR hatte. Sechs Jahre lang konnte ich sie versorgen. Für mich war das eine kostbare Gabe Gottes. Ich hatte immer Angst, ich könne ihr „drüben“ im Westen nie etwas Gutes tun. Und dann wurde es mir doch geschenkt.
Sie wollten Krankenschwester werden – und blieben doch in der Küche.
Im Noviziat geht man durch verschiedene Bereiche. Ich blieb in der Küche hängen, weil eine Köchin abgezogen wurde. Es war mir vom Herzen schwer. Es hat sechs Jahre gebraucht, bis ich innerlich Ja sagen konnte. Dann wuchs ich hinein. 1972 übernahm ich die Küchenleitung im Krankenhaus – 14 Mitarbeiterinnen. In der DDR war das wegen Mangelwirtschaft schwierig: Lieferprobleme, Improvisation. Die Kartoffeln kamen manchmal erst kurz vor der Essensausgabe, Milch wurde nicht geliefert, weil LKWs ausfielen. Man musste ruhig bleiben, entscheiden, anpacken.
Nach der Wende beendete die Ordensgemeinschaft die Versorgung der Krankenhausküche …
Ich hatte eine Sabbatzeit in der Steiermark – eine goldene Zeit. Danach begann ich in der Senioren- und Krankenhausseelsorge und war 14 Jahre in diesem Dienst. Später wollten wir in Brandenburg einen kleinen Konvent in einem sozialen Wohnviertel gründen. Wir waren zu dritt, mit geistlicher Begleitung, in einem langen Prozess. Am Ende wurde es abgelehnt – wir waren schon auf Wohnungssuche.
Dann kam Usedom: die Familienferienstätte St. Otto in Zinnowitz. Ich dachte zuerst: Wer braucht mich dort? Aber wir schauten es an, schliefen eine Nacht darüber, und zwei von uns sagten Ja. 14 Jahre waren wir dort geistliche Präsenz – für Familien, Kinder, Gäste.
2018 erkrankten Sie an Brustkrebs. Was hat das mit Ihrem Vertrauen gemacht?
Es hat mich nicht erschüttert. Ich habe gesagt: Wenn es so viele trifft – warum nicht mich auch? Ich habe in Krisen eine Art „Relais“, das umschalten kann. Dann kann ich bewusst entscheiden und handeln. Aber ich habe mich gefühlt wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Es war ein sehr aggressiver Krebs, weit fortgeschritten. Viele sagten: „Sie wird sterben.“ Ich konnte die Therapie nicht einmal vollständig durchhalten. Und trotzdem bin ich am Leben. Vielleicht gehört zum Vertrauen auch eine Portion Selbstvertrauen.
Wenn Sie Ihr Leben ansehen: Was ist der rote Faden?
Vertrauen. Dass Gott mich führt. Und dass Vertrauen die Grundlage jeder Beziehung ist: zu Gott, zu den Menschen, zur Mitschwester. Zu zweit unterwegs zu sein ist nicht immer leicht – aber wir waren viele Jahre geistlich begleitet. Das hat uns geholfen, dass sich nichts verhärtet.
Im Nachhinein sehe ich: Man hätte vieles nicht planen können. Aber wenn ich nicht vertraut hätte – hätte ich keinen Schritt gehen können.
(sam)
[1] Die Pionierorganisation war die erste Organisation im Leben der meisten DDR-Bürger:innen, auf die später die FDJ (Freie Deutsche Jugend) folgte. Die „jungen Pioniere“ waren in den Schulalltag eng eingebunden.
[2] [2] Die Jugendweihe war eine in der DDR ab 1955 etablierte, staatlich organisierte Feier für 14-jährige Schüler:innen, die als sozialistischer Gegenentwurf zur Konfirmation/Kommunion diente.
Sr. Agnes Mareczek wurde 1944 in Jarocin (Polen) geboren und wuchs nach Flucht und Umsiedlung in der DDR auf. 1960 trat sie in die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Vöcklabruck ein. Sie leitete viele Jahre die Krankenhausküche in Brandenburg, später war sie in der Senioren- und Krankenhausseelsorge tätig. 1979 gelang es ihr, die schwer kranke Mutter über Westberlin zu sich zu holen und sechs Jahre bis zum Lebensende zu versorgen. Von 2005 bis 2019 wirkte sie in der Familienferienstätte St. Otto auf Usedom. Seit 2019 lebt sie mit Sr. Luzia als geistliche Präsenz in Königsbrück.
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