Jan Kubben: „Vertrauen ist die Basis jeder Zusammenarbeit“
Die Rolle von Vertrauen in der Finanzwelt.
Die Finanzwelt gilt als rational. Zahlen sind eine harte Währung, Verträge und Kontrollmechanismen sollen Sicherheit und Ordnung schaffen und Risiken minimieren. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Ohne Vertrauen funktioniert weder ein Finanzsystem noch die Gesellschaft an sich. Jan Kubben, seit Herbst 2025 Wirtschaftsleiter bei den Franziskanerinnen von Vöcklabruck, erläutert im Gespräch mit dem FranziskanerinnenMagazin, warum Vertrauen eine tragende Säule wirtschaftlichen und sozialen Handelns ist.
Herr Kubben, Finanzen gelten als nüchterner, regelbasierter Bereich. Welche Funktion hat Vertrauen in diesem System?
Ohne Vertrauen geht es nicht. Auf der britischen Pfundnote steht auch heute noch ein Versprechen der Bank of England: I promise to pay the bearer on demand the sum of 50 pounds, wenn es eine 50 Pfund Note ist. Es wird versprochen, dem Inhaber das Geld auszuzahlen. Das stammt noch aus der Zeit, als man diese Scheine gegen Gold eintauschen konnte.
Geld funktioniert also, weil wir einem etablierten System vertrauen…
Ja, das ist auch heute noch so, obwohl der Goldwert längst keine Rolle mehr spielt. Beim Vertrauen geht es um unterschiedliche Ebenen. Einerseits um Vertrauen in Regeln, Institutionen, Systeme. Andererseits um Vertrauen in Menschen – Mitarbeitende, Vertragspartnerinnen und -partner, Organisationen. Natürlich gibt es Verträge, um das Ganze rechtlich abzusichern. Aber sie ersetzen Vertrauen nicht. Sie greifen dann, wenn das Vertrauen beschädigt ist…
Vielleicht auch, um Klartext zu sprechen?
Genau. Menschliche Kommunikation ist ja nicht einfach: Der eine sagt A und der andere versteht B. Regelwerke sind wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden. Zusammenarbeit ist jedoch deutlich einfacher, wenn ein grundlegendes Vertrauensverhältnis vorhanden ist. Kontrolle ist sinnvoll zur Absicherung, sie darf aber nicht zur Misstrauenskultur werden. Wenn ich ehrlich bin und eine grundlegende Haltung von Integrität an den Tag lege, dann merkt das mein Gegenüber. Wir sind ja nicht nur rationale Wesen, sondern wir spüren, ob wir jemandem vertrauen können oder nicht.
Da spielen auch Erfahrungen mit…
Absolut. Gute Erfahrungen bauen Vertrauen auf, schlechte bauen es ab. Wenn Absprachen eingehalten werden und Projekte verlässlich abgeschlossen werden, wächst Vertrauen über die Zeit. Wenn es ständig neue Erklärungen, Verzögerungen oder Versprechen gibt, die nicht eingehalten werden, schwindet es. Im Finanzbereich genauso wie in menschlichen Beziehungen.
Gibt es so etwas wie eine rote Linie? Einen Moment, wo klar ist: Es braucht mehr Kontrolle?
Ja, diese Grenze zeigt sich dort, wo Dinge inkonsistent werden. Wenn Aussagen sich widersprechen, Abläufe intransparent sind oder Zusagen wiederholt nicht eingehalten werden, werde ich hellhörig. Dann muss man genauer hinschauen. Kontrolle ist in solchen Momenten kein Ausdruck von Misstrauen, sondern gute Praxis – etwa durch das Vier-Augen-Prinzip –, um möglichen Missbrauch von vornherein auszuschließen.
Was meinen Sie konkret mit „inkonsistent“?
Zum Beispiel, wenn Schreiben auftauchen, die formal korrekt wirken, inhaltlich aber nicht zur bisherigen Beziehung passen. Ich habe in einem großen Unternehmen erlebt, dass gefälschte Bankbriefe im Umlauf waren, die mit Fristen und Drohungen arbeiteten. Wer die Beziehung zur Bank kannte, wusste sofort: So würde diese Bank nicht mit uns kommunizieren. Genau diese Inkonsistenz ist ein klares Signal, etwas zu hinterfragen.
Welche Rolle spielt Vertrauen in solchen Situationen?
Vertrauen ist die Basis jeder Zusammenarbeit – gerade in der Finanzwelt. Aber Vertrauen bedeutet nicht Blindheit. Im Gegenteil: Gerade weil man einander kennt und vertraut, fallen Abweichungen schneller auf. Regelwerke und Absprachen geben Orientierung, ermöglichen aber auch Spielräume. Einzelne Ausnahmen dürfen sein, solange sie transparent sind, niemandem schaden und sich im rechtlichen Rahmen bewegen. Wenn Ausnahmen jedoch zur Regel werden, muss man sich fragen: Passt unser Regelwerk noch – oder passiert hier etwas, das uns langfristig schadet?
Vertrauen als Basis – wie sehen Sie das als Führungskraft?
Gute Führung bedeutet für mich, Menschen einen Ermessensspielraum zu geben. Über Ziele lässt sich meist schnell Einigkeit herstellen, der Weg dorthin darf aber unterschiedlich sein. Der eine arbeitet kreativ, der andere strukturiert und analytisch. Solange die Richtung stimmt, ist beides legitim. Dieses Vertrauen reduziert Komplexität – weil Menschen Verantwortung übernehmen und Aufgaben auf ihre Weise lösen können. Vertrauen ist damit nicht nur eine Haltung, sondern auch ein sehr wirksames Führungsinstrument.
Zurück zum Finanzthema…
Leadership ist davon nicht so weit entfernt: Am Ende geht es immer um Menschen. Wenn Menschen in einem Umfeld arbeiten, in dem sie Verantwortung übernehmen dürfen – nicht im Sinne von „machen, was sie wollen“, sondern die gemeinsame Aufgabe mit innerer Freiheit lösen –, sinkt auch das Risiko für Missbrauch. Wo Zufriedenheit und Sinn da sind, entsteht weniger Raum für destruktives Verhalten.
Heißt das: Kontrolle würde letztlich überflüssig?
Nein. Kontrollsysteme gehören dazu – das haben wir aus großen Fällen gelernt. Wichtig ist aber, dass es ein sicheres Umfeld gibt, in dem kritische Dinge kommuniziert werden können. Vertrauen heißt auch: Schwierige Themen haben Platz. Finanzielle Schieflagen sind emotional hoch belastend – und genau deshalb braucht es Führung, die ermöglicht, Probleme anzusprechen, bevor die Situation eskaliert.
Spiegelt sich ein vertrauensvolles Klima im Betrieb in den Finanzen wider?
Ich denke schon. Unternehmenskulturen, die von Vertrauen geprägt sind, sind langfristig nachhaltiger. Wenn Vertrauen verloren geht, braucht es vorübergehend mehr Kontrolle und genaues Hinschauen, um es wieder aufzubauen. Vertrauen entsteht durch Führung, die Integrität vorlebt, Entscheidungen erklärt und transparent macht – auch wenn diese unangenehme Konsequenzen zur Folge haben. Vertrauen ist ein Geben und Nehmen – es lässt sich nicht einfordern, ohne selbst vertrauenswürdig zu handeln.
Interview: Susanne Sametinger
Jan Kubben, geb. 1981, ist seit September 2025 Wirtschaftsleiter der Franziskanerinnen von Vöcklabruck. Der gebürtige Ostbelgier bringt internationale Erfahrung aus Consulting und Vermögensverwaltung mit, studierte Mathematik und Finanzwirtschaft und absolvierte zusätzlich eine Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater. Für ihn verbinden sich wirtschaftliche Entscheidungen stets mit Verantwortung für Mensch und Gesellschaft.
Foto ©Sametinger – CommS
