Legende über die Beziehung von Franziskus und Klara

„Eines Tages hatten sich Bruder Franz und Bruder Leo zusammen nach Siena begeben (…).

Den Weg entlang, während es dunkelte, dachte er an das süße Assisi, wo er seine geistlichen Söhne und Klara, die Tochter seines Herzens, zurückgelassen hatte. Er wusste, dass die fromme Jungfrau um ihrer Liebe zur Armut willen großen Widrigkeiten ausgesetzt war, und er war zur Zeit nicht ohne Sorge, seine geliebte Tochter möchte an Leib und Seele krank werden und könnte sich, in San Damiano auf sich selber angewiesen, von ihren heiligen Vorsätzen abdrängen lassen. Dieser Zweifel bedrückte ihn in einem Maße, dass er an der Stelle, wo die Straße in das Hügelland einbiegt, das Gefühl hatte, seine Füße würden ihm jeden Augenblick in die Erde versinken.

Er schleppte sich zu einem Brunnen, an dem das frische Wasser sprudelte und im Trog eine klare Fläche bildete, auf die der Strahl vom Brunnenrohr niederfiel. Lange stand der Mann Gottes über den Brunnen geneigt. Dann hob er auf einmal den Kopf und sagte freudig zu Bruder Leo: „Bruder Leo, was glaubst du, habe ich im Brunnenwasser gesehen?“

„Den Mond, Vater, der sich darin spiegelt,“ erwiderte der Bruder.

„Nein, Bruder Leo; nicht unseren Bruder Mond habe ich im Brunnenwasser gesehen, sondern (…) das wirkliche Antlitz unserer Schwester Klara, und es war so rein und strahlend von heiliger Freude, dass mir alle meine Zweifel auf einmal verflogen sind, und ich habe die Gewissheit erhalten, dass unsere Schwester in dieser Stunde jene tiefe Freude genießt, die Gott seinen Lieblingen gewährt, indem er sie mit den Schätzen der Armut überhäuft.“

 

Leo Karrer (Hg.): Legenden und Laude, Manesse Verlag Zürich 1975, S.136 f

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