Vertrauen, eine kostbare Ressource

Vertrauen boomt – zumindest die Literatur darüber. Lebenshilfebücher leiten uns an, wie man dem eigenen Bauchgefühl wieder mehr vertrauen kann, pädagogische Ratgeber zeigen uns Vertrauen als Schlüssel gelingender Eltern-Kind-Beziehungen und leadership-Literatur erklärt, warum Führung wesentlich mit Vertrauen zu tun hat. Vertrauen erscheint oft wie eine Art Schweizer Taschenmesser: Egal, um welches Problem es sich handelt – Vertrauen ist das Werkzeug, ohne das es nicht geht. Das ist auch da nicht unplausibel, wo man auf die großen Herausforderungen blickt, vor denen unsere Gesellschaften stehen; denn egal ob es um Klimakrise, Digitalisierung, Migrationsströme geht – sie alle lassen sich nicht allein, sondern nur kooperativ adressieren; und wo es darum geht, etwas gemeinsam zu lösen, braucht es immer Vertrauen. Ein erhöhter Bedarf am Rohstoff Vertrauen in Zeiten komplexer Weltlagen darf daher, theologisch gesprochen, als ein Zeichen der Zeit gelten. Dazu gehört auch die Wahrnehmung, dass dieser Rohstoff knapp ist: Egal ob es um Vertrauen in eine gute Zukunft, in Wissenschaft, Politik, Kirchen, Gewerkschaften, ja in sich selbst geht – überall zeigen sich Mangelerscheinungen. Auch wenn Vertrauen seit jeher wertvoll war, scheint intuitiv doch eine Art Verschärfung des Problems vorzuliegen. Versuchen wir im Folgenden, erstens ein Stück weit zu erhellen, warum Vertrauen in unseren Gesellschaften so wertvoll geworden ist und zweitens kurz eine theologische Perspektive darauf zu entwickeln.

Was treibt den Wert von Vertrauen in die Höhe?

Eine erste Annäherung mag darauf hinweisen, dass die Aufklärung Skepsis und Kritik als Leitideen profilierte. Immanuel Kant mahnt mit anderen ein, dass die default-Einstellung unserer denkerischen und sozialen Orientierung nicht mehr das Vorschuss-Vertrauen auf althergebrachte Tradition und überkommene Autorität sein darf, sondern konsequente Rückfrage und Prüfung. Dafür gibt es gute Gründe. Nicht erst das 20. Jahrhundert hat gezeigt, dass blindes Vertrauen und undifferenzierter Gehorsam katastrophale Auswirkungen haben können. Gleichwohl ist das nur eine schwache, ideengeschichtliche Erklärung im Blick auf die Frage, warum Vertrauen unter Bedingungen der Moderne so wertvoll ist. Eine zweite, soziologische Annäherung kann sich Licht bei Erkenntnissen der Spieltheorie holen. Diese zeigt nämlich, dass wiederholte Interaktionen eine wesentliche Bedingung für die Entstehung von Vertrauen sind: Je öfter und regelmäßiger man sich begegnet, desto wahrscheinlicher bilden sich Interaktionsmuster aus, in denen Akteurinnen einander vertrauen. Vertrauen wurzelt wesentlich in lebensweltlicher Vertrautheit, die wiederum da entstehen kann, wo wiederholt Begegnungen stattfinden. Diese spieltheoretische Einsicht ist in Zeiten gesellschaftlicher Fragmentierung auch als soziologische Erklärungsmöglichkeit von Interesse: In Milieus und Bubbles, die weitgehend nebeneinander existieren, begünstigt wechselseitige Fremdheit eine Verknappung des Rohstoffs Vertrauen. Vertrauenswürdig ist eben, wer einer von uns ist (wie es einst ein Wahlslogan in Österreich formulierte) und nicht anderswo ein anderes Leben als man selbst führt. „Die da oben in Wien“ (wahlweise: Brüssel, Washington) wissen ja nicht, was es heißt, hier bei uns (wahlweise: am Land, innergebirgs, in Vorstädten) ein Leben mit bestimmten Sorgen, Hoffnungen und Nöten zu führen. Analoge Entfremdungseffekte lassen sich auch wirtschaftlich rekonstruieren: Wo Gesellschaften von großen ökonomischen Ungleichheiten durchzogen sind, lassen sich empirisch geringere Vertrauenslevels erheben. Mangel an Begegnung, Gleichheit und Partizipation disponiert zu höherem Misstrauen.

„Vertrauen erscheint oft wie eine Art Schweizer Taschenmesser:

Egal, um welches Problem es sich handelt –

Vertrauen ist das Werkzeug, ohne das es nicht geht.“

Man hat damit eine mögliche zweite Erklärung, warum Vertrauen gegenwärtig kostbar ist: Die lebensweltliche Pluralisierung, die moderne Gesellschaften auszeichnet, erweitert individuelle Freiheitsspielräume, sie erlaubt aber auch eine wechselseitige Distanz zwischen Lebensformen, die offen für Entfremdungseffekte ist. Eine dritte, medientheoretische Annäherung muss auf Misstrauens-Effekte eingehen, die soziale Medien haben. Dazu kann man nicht nur rekonstruieren, wie die neuen Medien gesamtgesellschaftlich funktionieren, sondern auch individuell wirksam werden. Der US-amerikanische Psychologe Jonathan Haidt hat zuletzt hier angesetzt. Er analysiert in seinem Buch Generation Angst nicht nur erschreckende Daten zur psychischen Gesundheit der Generation Z, sondern fragt auch, wann genau Unsicherheit, Verzagtheit und Angst gesellschaftlich viral gegangen sind. Dabei identifiziert er den Siegeszug von Smartphones und social media als Schlüsselmoment: Die Umstellung auf eine smartphonebasierte Kindheit ist eine Art Brandbeschleuniger für die Präsenz verzagt-skeptischer Perspektiven auf die Welt – sie verbreiten sich in sozialen Medien viral. Haidts These: Kinder benötigen bestimmte Formen risikoreichen Spiels in der analogen Welt, um gemeinschaftlich antifragil zu werden – dort wachsen sie mit anderen an Herausforderungen und gewinnen primär (Selbst-)Vertrauen und Resilienz. Die Kombination von Überbehütung in der analogen und Unterbehütung in der digitalen Welt ist der Herausbildung solcher Haltungen hingegen nicht zuträglich: Unsere Vertrauensakkus erreichen sozusagen gar nicht mehr ihre mögliche volle Speicherkapazität – und werden folglich auch schneller leer.

Die theologische Perspektive

Belassen wir es bei diesen diagnostischen Skizzen, um das Problem möglicher Therapien zu adressieren. Eine Frage, die sich dabei stellt, betrifft die Rolle von Religion, Kirchen und Glaube: Kann Glaube den Grundwasserspiegel des Vertrauens heben? Tatsächlich gibt es Argumente dafür. So belegen u.a. die Daten der sechsten Kirchmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dass Kirchenmitglieder im Vergleich zu Konfessionslosen höheres Vertrauen in andere Menschen und gesellschaftliche Institutionen haben. Sind betende Hände also kleine Vertrauensmanufakturen? Theologisch wird man eine gewisse Zurückhaltung an den Tag legen: So besteht nicht nur die Gefahr funktionalistischer Verkürzung des Glaubens auf seine sozialen Effekte, sondern auch das Problem der Ausblendung von Ambivalenzen: In der Geschichte des Christentums zeigt sich ja auch, wie Kirchen Vertrauen missbrauchten oder Misstrauen (gegen Andersgläubige etc.) schürten; zudem stehen Kirchen aktuell selbst vor dem Problem, wie sie in Zeiten multipler Mutlosigkeiten ihr Gottvertrauen stabilisieren können. Dass von ihnen keine Lösungen auf Knopfdruck zu erwarten sind, bedeutet umgekehrt allerdings nicht, dass Kirche und Glaube nicht auch heute echte Hilfen sein können, aus einem letzten Vertrauen heraus zu leben – nicht blind, sondern hellwach, auf einem gemeinsamen Pilgerweg, wie Frère Roger es nannte. Mitunter hilft es bereits, sich daran zu erinnern, dass nicht nur Mutlosigkeit und Misstrauen, sondern auch Zuversicht und Vertrauen virale Größen sind: Sie brauchen Argument und Reflexion, um nicht blind zu werden, entstehen aber nicht rein intellektuell; vielmehr verbreiten sie sich durch Praxis, Begegnung, Gebet – man steckt sich sozusagen mit ihnen an. Und in den Kirchen und Orden finden sich nach wie vor Orte, an denen solche Vertrauens-Infektionen möglich sind und täglich geschehen!

Martin Dürnberger (c) Luigi Caputo

Univ.-Prof. Dr. Martin Dürnberger
Theologische Grund- und Gegenwartsfragen
FB Systematische Theologie, Paris Lodron Universität Salzburg

Foto © Luigi Caputo/Uni Salzburg

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