Franziskus, der Antikapitalist?
Mai 2026
Ich beschäftige mich mit der Gretchenfrage: „Franziskus, wie hältst du‚s mit dem Geld?“
Viele Gedanken über Gelesenes und Gehörtes poppen auf. Die Beschäftigung mit den beiden Ordensregeln, die endgültige von 1223 und die nicht bestätigte, die 1221 ihren Abschluss fand, vermittelt klar: Geld darf nicht berührt werden, Geld ist so viel wert wie Kieselsteine. Der Biograph Thomas von Celano wird noch deutlicher: Geld ist wie Mist, Geld kommt vom Teufel.
Insofern kann das Fragezeichen im Titel durch ein Ausrufezeichen ersetzt werden!
Wenn ich an die Lebensgeschichte des Franziskus denke, wundert mich diese Strenge aber. Denn als Jugendlicher wirft er mit dem Geld seines Vaters nur so um sich, und seine Fürsorge für die Aussätzigen bestand am Anfang zum Großteil darin, für sie – wie und woher auch immer – Geld zu beschaffen und es dann zu verteilen.
Aber kaum hat er sich vom Vater und der bürgerlichen Welt getrennt, erleben wir einen Franziskus, der Geld zutiefst verachtet, ja verabscheut. Es ist, als übertrüge sich der überwundene Ekel vor den Aussätzigen jetzt auf das Geld. Für Franziskus ist Geld nichts anderes als das Verführungsmittel des Teufels.
Diese „Verteufelung“ des Geldes hat weit zurückliegende historische Wurzeln:
Schon im alten Rom pflegte man sich angesichts des Geldes gegenseitig Mut zu machen, indem man sich versicherte, dass es zumindest nicht stinke – non olet.
Aber auch die alte und die mittelalterliche Kirche verachtete – zumindest nach außen hin – alles, was mit Geld zu tun hatte.
Die jüdische Bevölkerung übernahm, stellvertretend für die Christen, alle Geldgeschäfte, die diesen verboten waren. Offiziell zumindest. Inoffiziell sah alles anders aus.
Mit den Jahren kam dann die Kirche zum Entschluss, dass sie auch selbst Geldgeschäfte tätigen dürfe. Und so legte sie sich in Avignon die modernste Finanzverwaltung im damaligen Europa zu, mit doppelter Buchführung, bargeldlosem Zinsverkehr und besten Kontakten vor allem zur italienischen Bankenwelt.
Das alles hat Franziskus irgendwie mitbekommen, und nun macht er Geld zu einem Tabu.
WARUM?
Sicher einmal, weil Geld für die Welt seines Vaters steht. Aus dieser Welt hat er sich verabschiedet.
Hinzu kommt die Erfahrung, die er wahrscheinlich als Lehrling im Geschäft seines Vaters gemacht hat, dass Geld Menschen verändert und skrupellos machen kann. Diese Grunderfahrung hat sich wohl sehr tief in ihm eingeprägt.
Weiters wehrt er sich gegen das trügerische Versprechen, dass Geld das Leben der Menschen gegen alle Schicksalsschläge absichere.
„Geld war für Franziskus der schärfste Ausdruck von Eigenbesitz“, sagt Gert Wendelborn in seinem Buch „Franziskus von Assisi“ aus dem Jahr 1982. Und Eigenbesitz lehnt Franziskus absolut ab – er ist unterwegs mit der „Herrin Armut“ und mit dem „nackten Christus“.
Wie ging die Kirche damals mit dem Geldverbot des Franziskus um?
Papst Gregor IX. gibt 1230 die Bulle „Quo elongati“ heraus, die dem Testament des Franziskus seine Verbindlichkeit für die Bruderschaft abspricht. Dort berichtet er von einigen Brüdern, die zweifelsfrei wissen wollen, ob sich das Verbot des Geldbesitzes mit der Bestellung von „Vertrauenspersonen“ vereinigen ließe, die stellvertretend Gaben und Spenden von Gläubigen in Empfang nehmen würden.
Der Papst verfügt, dass die Brüder stets einen „Nuntius“, einen Beauftragten oder Mittelsmann, der nicht Ordensangehöriger ist, in Anspruch nehmen sollen, der für alle wirtschaftlichen Belange der Gemeinschaft zuständig ist.
Damit ist das Geldverbot des Franziskus praktisch umgangen worden.
UND HEUTE?
Wenn ich die alten Geschichten von der Verabscheuung, ja Verfluchung des Geldes durch Franziskus lese, kommen mir sofort Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen in den Sinn, die angesichts der Billiglohnkonkurrenz aus Osteuropa oder Asien mit dem Rücken zur Wand stehen und sich anonymen Wirtschaftsmächten ausgeliefert fühlen, oder die Menschen in den Billiglohnländern selbst, oder die Kinderarbeiter:innen.
Gibt es eine Alternative zur Welt des Kapitals, der Gewinnmaximierung?
Franziskus und seine Orden haben die Welt nicht verändert. Aber Franziskus hat die Richtung angedeutet, in die die Welt sich bewegen muss (und damit sind WIR gemeint):
Wir brauchen eine Wirtschaftsform, eine Gesellschaft, die um den Wert, um die Priorität des Menschen vor dem Kapital weiß, die den Interessen und Hoffnungen aller Menschen Rechnung trägt, vor allem derer, die keine Stimme haben und ihre Hoffnungen längst abgeschrieben haben.
Und es braucht das Bewusstsein, dass unser ethisch korrektes Handeln als Christinnen und Christen Veränderungen bringt.
Ich als Einzelperson bin gefragt, wie ich mit Menschen, Geld und Besitz umgehe!
Franziskanisch inspirierte Menschen leben in allen Teilen unserer Welt aus diesem Bewusstsein solidarisch mit den Armen und Ausgegrenzten. Sie setzen ein Zeichen.
Das gibt Hoffnung.
UND ICH?
Sr. Teresa Hametner

Pecunia non olet? (c) Comm S – erstellt mit KI by Langdock
Verwendete Literatur:
Reblin Klaus: Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht 2006
Berg Dieter, Lehmann Leonhard, Hg: Franziskusquellen, Butzon & Bercker 2009
Manselli Raoul: Franziskus, der solidarische Bruder, Herder 1995
Wendelborn, Gert: Franziskus von Assisi. Eine historische Darstellung, Koehler & Amelang 1982
Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?
Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!
Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.
[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.
