Franziskus – Krisenmanager: naiv oder radikal gewaltfrei?
August 2026
Unsere Welt wird von Krisen gebeutelt – es gibt wahrscheinlich keine Region, in der das gesellschaftliche, politische und kirchliche Leben in Balance ist. Überall kriselt es im Großen und im Kleinen. Das ist bitter, aber leider Realität.
Im 12./13. Jahrhundert war die Kirche in einer herausfordernden Zeit. Da steht das Papsttum auf dem Gipfel seiner Macht, aber gleichzeitig wachsen die Bedrohungen der Kirche, und zwar von innen und außen. Im Inneren sind es die Armutsbewegungen und die Häretiker, die ihr zu schaffen machen – in Deutschland, Frankreich, in Nord- und Mittelitalien und in Spanien. Sie errichten in diesen Gebieten regelrechte Gegenkirchen.
Der Druck von außen kommt von den Muslimen, die die Kreuzfahrerstaaten in Syrien und Palästina bedrängen.
Bedrohungen von innen und außen – wie soll die Kirche damit umgehen? Das ist die große Frage.
Franziskus durchbricht die damals weit verbreiteten und oft spirituell begründeten Denk- und Handlungsmuster von Gewalt, Herrschaft und Krieg. Mit seinem ganzen Leben setzt er sich ein für Begegnung, Dialog, Diplomatie, Leben und Freiheit.
Diese Einstellung gibt Franziskus schon in der Frühzeit der Bruderschaft an seine Brüder weiter – sie ist ihm ein Herzensanliegen.
Der „Spiegel der Vollkommenheit“, eine frühe Legendensammlung, erzählt, wie einige Brüder bei San Sepolcro mit Räubern umgehen, die sie um Brot bitten. Einige Brüder meinen, man darf ihnen nichts geben, weil sie böse sind, andere geben ihnen etwas und ermahnen sie aber gleichzeitig streng zur Buße. Schließlich fragen sie Franziskus, wie er sich verhalten hätte.
Franziskus gibt eine interessante Antwort:
- Geht zu den Räubern in den Wald. Für uns: Wenn du deinen Widersacher verstehen willst, suche ihn in seiner Welt auf.
- Ruft die bösen Gesellen und bringt ihnen gutes Brot und anständigen Wein. Für uns: Übe keine Gewalt oder Gegengewalt aus, suche die Begegnung und komm mit Geschenken (= guten Worten).
- Bedient sie demütig und freudig. Danach erzählt ihnen vom Evangelium und bittet sie nur darum, den Menschen keinen Schaden mehr zuzufügen. Für uns: Zeige keine Angst, sei freundlich und zuvorkommend. Angst verführt dein Gegenüber zu neuer Aggression.
- Am nächsten Tag bringt ihnen auch Eier und Käse und bedient sie freundlich. Für uns: Überrasche dein Gegenüber. Wenn es perplex ist, vergisst es, was es gegen dich hat.
- Sprecht mit ihnen und ermutigt sie, aus dem Wald herauszukommen. Für uns: Versuche mit deinem Gegenüber in ein Gespräch zu kommen. Reden verhindert böses Tun.
- Bleibt bei ihnen und fragt nach, warum sie böse handeln. Für uns: Überlege, warum dein Gegenüber dir böse gesonnen ist, suche die Hintergründe und versuche den Anlass zu eliminieren.
- Bittet die Räuber nur um kleine Änderungen in ihrem Verhalten und seid geduldig. Für uns: Sei geduldig und versuche nicht alles auf einmal ändern zu wollen. Dein Gegenüber braucht das Gleiche wie du: Zeit.
- Die Räuber bringen wegen der Zutraulichkeit der Brüder sogar Holz in die Einsiedelei, damit die Brüder kochen können. Einige treten der Gemeinschaft bei. Für uns: Nichts verbindet so sehr wie miteinander essen und trinken. Miteinander an einem Tisch zu sitzen, bewirkt Verwandlung und Veränderung.
Wer das „Räuberpicknick“ (korrekter Titel: Wie er einige Brüder lehrte, durch Demut und Liebe die Seelen von Räubern zu gewinnen) nachlesen möchte: Spiegel der Vollkommenheit IV, Kap. 66
Franziskus vermittelt mir hier eine hoffnungsvolle Weltsicht: Nichts muss bleiben, wie es ist. Niemand muss bleiben, wie er oder sie ist. Aus einem wilden Räuber kann ein frommer minderer Bruder werden. Für ihn gibt es keine (fast keine) unverbesserlichen Menschen und keine unveränderbare Welt. Franziskus durchbricht mit Worten und Handlungen den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt und setzt an die Stelle von Konfrontation den franziskanischen, von allen Brüdern verwendeten Gruß: „Der Herr gebe dir den Frieden.“
Dieser Friede ist für Franziskus nie nur das Ziel, das es zu erreichen gilt, sondern auch der Weg, die Methode, um das Ziel zu erreichen.
So ist Franziskus für mich ein charismatischer Krisenmanager mit einem offenen Herzen und viel Mut. Er ist radikal gewaltfrei. Natürlich tritt er dabei auch in Fettnäpfchen und macht Fehler, aber er lässt sich nicht abbringen von seinem Friedensauftrag. Das beweisen auch zwei andere Episoden aus seinem Leben:
Die Geschichte vom Wolf von Gubbio in Fioretti 21
Die Begegnung mit Sultan Melek-al Kamil in Bonaventura, Legenda Maior IX, 8
Auf diese beiden Episoden hier einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Aber sie nachzulesen ist sicher interessant.
Wenn es in der Überschrift heißt: Krisenmanager – naiv oder radikal gewaltfrei – so glaube ich, dass Franziskus im besten Sinn naiv und radikal gewaltfrei ist, unvoreingenommen und unbefangen, mutig und furchtlos den Menschen gegenüber. In dem Bewusstsein, dass Gott mit ihm ist.
So kann er ein erfolgreicher Krisenmanager sein – wie ihn Klaus Reblin in seinem Buch „Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder“ nennt.
Ich möchte von ihm lernen.
Sr. Teresa Hametner

Pax et Bonum – Inschrift auf einem Haus in Assisi
(c) Franziskanerinnen von Vöcklabruck
Verwendete Literatur:
Quellen:
Reblin, Klaus: Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006.
Franziskusquellen, Hg.: Berg Dieter und Lehmann Leonhard, Butzon & Bercker, 2009.
Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?
Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!
Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.
[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.
