Franziskus und der Gehorsam

Juli 2026

 

Worauf hört Franziskus?

 

Wieder ein verzwicktes, vielschichtiges Thema. Oder auch ganz einfach. Doch langsam:

Wenn ich die verschiedenen Schriften von und über Franziskus befrage, wie er das alte mönchische Gehorsamsgelübde versteht und lebt, erkenne ich zwei grundverschiedene Vorstellungen von Gehorsam:

 

Zum einen ein Denken, das sich an militärischer Struktur orientiert und an den „Kadavergehorsam“ des Ignatius von Loyola erinnert.

 

Zum anderen finde ich die Betonung des wahren, freiwilligen und gegenseitigen Gehorsams. In der Brudergemeinschaft soll es kein Oben und Unten geben, kein Parieren gegenüber Ämtern und Amtspersonen, sondern nur einen Gehorsam gegenüber Gott, der Regel, der gemeinsamen Lebensform gemäß dem Evangelium und den freiwilligen, gegenseitigen Gehorsam aller Brüder untereinander.

 

Das Gehorsamsverständnis des Franziskus hat sicher mindestens zwei Quellen:

  1. Seine Erfahrungen in der Familie, in der Arbeitswelt und im (versuchten) soldatischen Leben – hier gibt es sicher wenig Dialog und Diskussion und schon gar kein Begegnen auf Augenhöhe: Dem Vater, dem Oberen hast du zu gehorchen.
  2. Seine Erfahrungen mit Gott, der ihm seinen Weg weist, ihn begleitet und, damit zusammenhängend, das, was er von der hl. Schrift weiß – er hat ja damit lesen und schreiben gelernt. In dieser zweiten Quelle erfährt er, dass er im Hören, im Gehorchen auf Gottes Wort und Jesu Beispiel nicht eingeengt, sondern frei wird.

 

So sucht Franziskus im Evangelium nach Lebensregeln, um die Brüder sowohl an die Kirche zu binden, als auch untereinander zu verbinden. Auf keinen Fall sollten sie sich wie die Katharer von der Kirche trennen. Die Zugehörigkeit zur römischen Kirche ist ihm ein zentrales Anliegen.

 

Innerhalb seiner Bruderschaft interpretiert Franziskus das Gelübde des Gehorsams nicht im Sinne einer Unterwerfung unter eine Autorität. Vielmehr sollten die Brüder gemeinsam Inspiration und Kraft im Evangelium finden, einander wertschätzen und dienen.

 

Franziskus lehnt den in anderen Orden üblichen Titel „Prior“ (Erster) ab. Die Verantwortlichen in seiner Bruderschaft werden „Minister“ (Diener) genannt. Als Bild für den Gehorsam, der gelebt werden soll, nimmt er das Bild der Fußwaschung. So schreibt er im 5. Kapitel der nicht bullierten Regel von 1221:

„Und kein Bruder soll einem anderen Böses tun oder Böses sagen. Ja, vielmehr sollen sie durch die Liebe des Geistes einander freiwillig dienen und gehorchen. Das ist der wahre und heilige Gehorsam unseres Herrn Jesus Christus.“

 

Franziskus stellt immer wieder klar, dass sich die Bruderschaft nicht aufteilen soll in Befehlende einerseits und Gehorchende andererseits. Vielmehr sind alle Brüder sowohl Befehlende als auch Gehorchende. Die Brüder sind alle gleich groß und gleich klein.

 

Das ist die ursprüngliche Verfassungsstruktur der frühen franziskanischen Bruderschaft.

Sie hat sich ein Stück weit verändert: Auf Druck der Kurie werden Sanktionen bei Regelverstößen sowie Verbote und Gebote eingeführt – die Ordensdisziplin muss ja hochgehalten werden!

 

Für Franziskus bleibt aber allen äußeren Veränderungen zum Trotz das Hören auf Gott, das Ausrichten seines Lebens auf Jesus Christus, in dessen Spuren er unterwegs ist, das Wichtigste. Das gibt er auch unermüdlich an seine Brüder – und uns – weiter! Hören wir es?

 

Sr. Teresa Hametner

Darstellung des Hl. Franziskus im Fresko der „Allegorie des Gehorsams“ von Giotto in der Unterkirche San Francesco in Assisi. Foto: Franziskanerinnen von Vöcklabruck
Darstellung des Hl. Franziskus im Fresko der „Allegorie des Gehorsams“ von Giotto in der Unterkirche San Francesco in Assisi.
Foto (c) Franziskanerinnen von Vöcklabruck

Verwendete Literatur:

  • Reblin, Klaus: Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006.
  • Franziskusquellen, Hg.: Berg Dieter und Lehmann Leonhard, Butzon & Bercker, 2009.
  • Knapp Andreas, Pace e bene! Ein spiritueller Pilgerbegleiter für den Franziskusweg, Echter 2019

Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?

Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!

Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.

[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.

Sr. Teresa Hametner (c) Zopf Photography

Sr. Teresa Hametner, Generalvikarin

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