Franziskus und die Kirche – radikal treu in einer fehlerhaften Kirche?
November 2026
Es geschah einige Jahrzehnte nach dem Tod des hl. Franziskus 1226, dass Franziskaner eingekerkert und gefoltert oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden: Bruder Gerard von Borgo San Donino, Jacopone da Todi, Bruder Gerard Segarelli, Fra Dolcino – um nur einige zu nennen.
Warum? Sie hatten sich in Fragen der Armut der Apostel gegen den Papst aufgelehnt.
Lebenslanger Kerker, Feuertod – das hätte Franziskus nicht passieren können. Er war in der Kirche kein Aufrührer, kein Häretiker, nicht einmal ein halber Häretiker. Franziskus war bis zu seinem Tod ein verlässlicher, loyaler Sohn seiner Kirche.
So schreibt er in seinem Testament:
„Der Herr verlieh mir bis heute im Blick auf die Priester, die nach der Ordnung der heiligen römischen Kirche leben, einen solchen Glauben, dass ich mich um ihrer Weihe willen an sie halten will, selbst wenn sie mich verfolgten. (…) Sie und alle anderen [Kleriker] will ich fürchten, lieben und ehren wie meine Herren. Ich will auch nicht auf ihre Sünde sehen, weil ich in ihnen den Sohn Gottes erkenne (…).“
Testament, Nr. 6–9, Franziskusquellen
Bei Franziskus finde ich keine explizite Distanzierung gegenüber der Kirche. Wenn er an Priestern Fehler entdeckt, sieht er sie, aber respektiert und achtet diese Priester trotzdem – wegen „ihrer Weihe“. Er nimmt das Versagen wahr und versucht es selbst wieder gut zu machen. Franziskus fragt nicht einmal nach der zu seiner Zeit überall sichtbaren Differenz zwischen dem Jesus des Anfangs und seiner jungen Kirche und der Kirche, wie sie sich im Mittelalter gestaltet.
Er hat sich doch einige Male in der Kurie in Rom aufgehalten und die Missstände dort gesehen und wahrscheinlich auch erlebt, ohne kritische Fragen dazu zu stellen. Zumindest sind uns keine überliefert.
Das ist für mich sehr interessant an Franziskus: Anders als viele seiner Zeitgenossen, übt er keine verbale Kritik an der Kirche, aber sein eigenes Lebensmodell, die tägliche Praxis ist ein einziger stiller und damit überlauter Vorwurf gegen ihr Erscheinungsbild!
Seine Armut stellt ihren Reichtum in Frage, sein Betteln ihr Sicherheitsbedürfnis, seine Ablehnung des Geldes ihr ungerechtes Finanzwesen, sein Verzicht auf Immobilien ihr Verhaftetsein im Materiellen, seine Demut ihre Herrschaftsinteressen, sein Mindersein ihre Hierarchie, sein Engagement für Frieden ihre Gewalt- und Kriegspolitik usw.
Dem Evangelium der Macht stellt Franziskus die Macht des Evangeliums entgegen.
Der Unterschied zwischen dem Leben des Franziskus und dem Leben der Kirche ist so tiefgreifend, dass man in dem Heiligen aus Assisi und seiner jungen Bruderschaft fast eine Gegenkirche sehen kann. Das erkennt auch die römische Kirche.
Als Franziskus 1220 aus dem Orient zurückkehrt, hat sich vieles in seiner Bruderschaft verändert, Franziskus holt sich deshalb Hilfe bei der Kurie und bittet um einen Kardinalprotektor.
Kardinal Hugolin von Ostia (später Papst Gregor IX.), der Franziskus und seine Brüder gut kannte, übernimmt dieses Amt. Auf diese Weise erhalten der Papst und die Kurie die einzigartige Möglichkeit, auf Franziskus und die Bruderschaft Einfluss zu nehmen. Ganz legal. So wurde Franziskus „entschärft“ und ein Stück weit von der Kurie vereinnahmt.
Das Fresko aus der Werkstatt Giotto di Bondones in der Oberkirche von San Francesco in Assisi, das einen Traum des Papstes Innozenz III. darstellt, zeigt diese Vereinnahmung: Ein kleiner Mann in einer einfachen Kutte stützt die Laterankirche, die Papstkirche, dabei steht er innerhalb des Gebäudes. Franziskus stützt das Papsttum und die Papstkirche. So träumt der Papst.
Franziskus hätte sich das sicher nicht träumen lassen. Aber eben das ist Absicht der Kurie mit den minderen Brüdern. Indem sie der Bruderschaft ihren Schutz angedeihen lässt, will sie die neue Bewegung auch zu ihren eigenen Zwecken, als Stütze der bestehenden Kirche gebrauchen – zum Schutz des Bestandes, nicht zur Reform.
Franziskus bleibt dieser Kirche bis zu seinem Tod radikal treu. Er lässt sich benutzen und wird zum Impulsgeber für viele Erneuerungsbewegungen in der Kirche bis in die heutige Zeit. Es klingt paradox und unglaublich. Er bleibt und wehrt sich nicht, und es geschieht Veränderung.
Ich weiß nicht, ob ich das könnte: aushalten, durchhalten und doch meine Überzeugung leben, nichts anprangern, die Kirche von innen „zurechtlieben“. Und dabei im Frieden leben. Ich wünsche es mir und der Kirche.
Sr. Teresa Hametner
Foto: Fresko in der Oberkirche San Francesco in Assisi – Traum des Papstes Innozenz III. (um 1297–1300). © Franziskanerinnen von Vöcklabruck
Verwendete Literatur:
Reblin, Klaus: Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006.
Franziskusquellen, Hg.: Berg Dieter und Lehmann Leonhard, Butzon & Bercker, 2009.
Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?
Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!
Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.
[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.

