Mein Franziskus

Jänner 2026

Ich beginne mit der Beschreibung „meines Franziskus“ mit einem Zitat aus der Dritten Lebensbeschreibung von Thomas von Celano – dem wichtigsten Biographen des Franziskus:

 

„Liebenswürdig im Umgang mit allen Menschen, sanft von Natur, freundlich in seinen Worten, taktvoll, wenn er ermahnte, treu in dem, was man ihm anvertraut, vorsichtig, wenn um Rat gebeten, energisch im Handeln, zuvorkommend in allem (…) dazu schnell im Verzeihen, langsam zum Zorn und souverän im Geist; begabt mit einem brillanten Gedächtnis, scharfsinnig im Diskurs, umsichtig bei Entscheidungen (…).

Er war ein überaus redegewandter Mensch mit fröhlichem Gesicht und gütigen Zügen, ohne jede Feigheit, doch auch ohne Arroganz (…).

Und dann die Sprache: feurig, scharf akzentuiert, aber durchaus gewinnend. Die Stimme klar und mächtig, aber angenehm und wohlklingend.“ 3 Cel 1, 83

 

Natürlich ist mir klar, dass in dieser Beschreibung manches Kantige des Franziskus abgeschliffen und mit schönen Farben übermalt wurde, dass er vielleicht auch in die Schablone der Heiligkeit gepresst wurde. Für mich aber bleibt das Bild eines Menschen, der für Gott und seine Liebe durchlässig geworden ist und die Botschaft von Gott mit jeder Faser seines Lebens in die Welt trägt, einmal scharfzüngig, einmal naiv, einmal fröhlich, einmal scharf, einmal loslassend, einmal zupackend.

In der großen Vielfalt, wie Franziskus seine Gottesliebe lebt und an die Menschen weitergibt, finde auch ich meinen Platz. Mit meinen Fähigkeiten, Talenten, Eigenschaften, Stärken, Schwächen und Grenzen darf ich auf meine Art und Weise die Gottesliebe leben und weitergeben.

 

Wie sehen Sie „Ihren Franziskus“?

 

Franziskus - Cimabue, Public domain, via Wikimedia Commons

Verwendete Literatur:

Reblin Klaus, Franziskus von Assisi – Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht 2006

Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?

Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!

Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.

[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.

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Sr. Teresa Hametner, Generalvikarin

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