Franziskus, der Arme
Februar 2026
In der Dreigefährtenlegende lese ich Folgendes:
„Franziskus trug noch das Gewand eines Einsiedlers. (…) Eines Tages jedoch hörte er während der Messe die Worte, mit denen Christus einst seine Jünger zum Predigen ausgesandt und ihnen geboten hatte, dass sie unterwegs nichts bei sich trügen, weder Gold noch Silber, weder Reisetasche noch Beutel, weder Schuhe noch Stab, und dass sie auch nicht zwei Röcke besitzen sollten. Als Franziskus dies durch die Erläuterungen des Priesters genauer verstanden hatte, erfüllte ihn eine unbeschreibliche Freude: ‚Das ist es‘, sagte er, ‚das will ich erfüllen aus ganzem Herzen.‘
Und ohne zu zögern, legte er alles ab, was er doppelt hatte. Auch seinen Stab, seine Schuhe, seine Reisetasche und seinen Beutel benutzte er von da an nicht mehr. Er fertigte sich ein armseliges, schmuckloses Gewand, warf seinen Lederriemen weg und nahm als Gürtel einen Strick. Denn alle Sorge seines Herzens richtete er jetzt darauf, jene Worte (…) in Taten umzusetzen (…).
Als sich nun herumsprach, dass Franziskus es ernst meinte mit seinem neuen Leben, steckte der Geist der Erneuerung nach seinem Vorbild auch einige andere Männer an (…).“
Franziskus ging mit ihnen in die Kirche San Nicolo und ließ sich dreimal das Evangeliar aufschlagen. Dreimal erhielten sie aus der Heiligen Schrift die Aufforderung, arm zu leben und nichts zu besitzen.
„Da sprach Franziskus zu den beiden anderen: ‚Meine Brüder, das ist für uns und alle, die sich unserer Gemeinschaft anschließen wollen, unsere Lebensordnung und unsere Regel. So geht hin und tut, was ihr gehört habt.‘“
Diese Ausschnitte aus der Dreigefährtenlegende sind die Basis der Lebenswelt des heiligen Franziskus.
Wenn Sie den Text in Originallänge lesen, finden Sie auch die Bibelstellen, die Franziskus sein Leben lang begleitet und geleitet haben. Sie sprechen von Verzicht, Einfachheit und Armut.
Armut bedeutet für Franziskus den Verzicht auf persönlichen und gemeinschaftlichen Besitz. Das ist ihm wichtig, und damit unterscheidet er sich vom benediktinischen Mönchtum. Dort hat die Gemeinschaft durchaus das Recht auf Eigentum, das es ihr ermöglicht, über die Jahrhunderte hinweg Besitz anzusammeln. Ebenso hinterfragt er den kollektiven Reichtum der Kirche.
In seiner Bruderschaft sollte dazu ein Gegenbild entstehen.
Letztlich wird jedoch bei der Formulierung der endgültigen Franziskanerregel, die auch heute noch gültig ist, die Streichung der biblischen Bezüge zur Armut und des gemeinschaftlichen Armutsgebots durchgesetzt – ein Schlag für Franziskus, der ein geradezu erotisch-mystisches Verhältnis zur Armut hat. Er sieht sie als eine schöne Frau, die er niemals vergessen kann.
„Ich habe die heilige Armut zu meiner Herzensdame erwählt; sie ist meine ganze Seligkeit, der Reichtum meines Geistes und meines Leibes.“
Franziskus – der Troubadour der Armut.
Armut ist für ihn keine Bußleistung; er hat mit ihr das große Los gezogen. Armut ist für ihn Auszeichnung, Quelle des Glücks und der Freude.
Kann man leben, losgelöst von Sicherheiten, losgelöst von Eigentum? Ist das nicht verrückt?
Franziskus konnte es jedenfalls.
Die Armut, die Franziskus zu seiner Herzensdame erwählt hat, ist jedoch nicht zu verwechseln mit Verelendung, die das Leben tötet. Eine solche Armut hat er nie gesucht und auch nie verherrlicht. Im Gegenteil: Wo er ihr begegnet, sorgt er dafür, dass sofort geholfen wird.
Ihm geht es um eine freiwillige, fast spielerische Armut, die dem Denken, Fühlen und Handeln neue Räume eröffnet.
Gertrude und Thomas Sartory schreiben in einem kleinen Büchlein über Franziskus: „Wenn er etwas nicht hatte, was jeder normalerweise besitzt oder besitzen will, so brauchte er auch gar nicht, was er nicht hatte, und das erfüllte ihn mit einem elementaren Gefühl von Freiheit.“
Franziskus geht es bei seiner Armut um Freiheit, um das Gegenteil von Angst.
In dieser Freiheit leben zu dürfen, ist der größte Reichtum für Franziskus – und für uns Heutige.
In diesem Sinn frage ich mich: Fühle ich mich arm oder reich? Was ist mein Streben – zu besitzen oder frei zu sein im Umgang mit den Dingen?
Sr. Teresa Hametner

Franziskus (c) Sr. Teresa Hametner
Verwendete Literatur:
Reblin, Klaus: Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006.
Sartory Getrude und Thomas, Franz von Assisi – geliebte Armut, Freiburg 1977
Franziskusquellen, Hg.: Berg Dieter und Lehmann Leonhard, Butzon& Bercker, 2009
Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?
Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!
Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.
[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.
