Franziskus, der Aussteiger

Februar 2026

Franziskus stammt aus einem reichen Elternhaus, in dem es an nichts fehlt. Sein Vater, Pietro di Bernadone ist Kaufmann, genauer ein Tuchhändler, der sehr erfolgreich wirtschaftet. Für sich erfolgreich, natürlich! Er ist ein Geschäftsmann, der global denkt und handelt, um die Damen und Herren der besseren Gesellschaft in Assisi mit qualitätsvollen Stoffen zu versorgen. So geschieht es, dass er bei der Geburt seines Sohnes 1181/82 nicht anwesend ist. Eine Geschäftsreise nach Frankreich ist angesagt – vielleicht ist er in Marseille oder in Lyon oder auf einer der großen Tuchmessen in der Champagne. Wir wissen es nicht genau.

Die Mutter Giovanna gibt ihrem Sohn den Namen Giovanni Battista – sie verehrt sehr Johannes den Täufer. Pietro Bernadone macht gute Geschäfte in Frankreich, vielleicht ändert er deshalb den Namen seines Sohnes in Francesco – Französlein. Damit will er seinem Sohn offenbar ein Programm mitgeben: Sei erfolgreich, mach Profit! Natürlich meint Pietro Bernadone, dass Franziskus das Familienunternehmen übernehmen und damit erfolgreich wirtschaften solle. Jetzt einmal hat er nichts dagegen, dass Franziskus auf seine Kosten großzügig mit seinem Besitz und Geld umgeht. Er ist sich sicher, dass aus dem pubertierenden Franziskus ein gut angepasster und einflussreicher Geschäftsmann wird.

Doch dem ist nicht so – Franziskus tanzt aus der Reihe. Er spürt in seinem Herzen, dass es mehr geben muss als Besitz, Geld, Macht, Einfluss, Prestige, er spürt dieses große Loch in sich, das Nichts und Niemand füllen konnte. Er spürt, ahnt, hofft, dass Gott es ist, der ihm den Mehrwert in seinem Leben geben kann, den er sucht. Und er weiß, dass er dazu aus der Gesellschafts- und Gehorsamsstruktur seiner Zeit aussteigen muss, um ganz frei für Gott zu sein.

So kommt es zu jener Gerichtsverhandlung vor dem Bischof von Assisi, in der Franziskus von einer Seite der Gesellschaft zur anderen wechselt.

Sein Vater, Pietro Bernadone klagt Franziskus an, dass er das Vermögen der Familie verschleudere. Er zitiert ihn vor den Bischof, der Recht sprechen soll.

Franziskus setzt eine aufsehenerregende Handlung – er zieht sich aus und legt das Bündel Kleidung und das Geld dem Vater vor die Füße.

Dazu spricht er: „Hört alle und versteht! Bis jetzt habe ich Pietro di Bernadone meinen Vater genannt; aber weil ich mir vorgenommen habe, Gott zu dienen, gebe ich ihm das Geld zurück, um dessentwillen er so aufgeregt ist, und alle Kleider, die ich von ihm habe. Von nun an will ich sagen: Unser Vater, der du bist im Himmel (Matthäus 6,9), nicht mehr Vater Pietro Bernadone.“ (Dreigefährtenlegende 20, 3)

Franziskus ist nun auf der Seite der Verlassenen, der Armen, der Ausgeschlossenen – er wird selbst zum Außenseiter.

Das Ausziehen seiner Kleidung ist ein unverzichtbares Element dieser Gerichtsverhandlung. Franziskus macht sich schutzlos und verletzlich, gleichzeitig sagt es etwas darüber aus, woran sich Franziskus ab nun orientieren will: Jesus von Nazareth, der nackt am Kreuz hängt, wird zum Mittelpunkt seines Lebens.

Nach der Gerichtsverhandlung sieht man ihn in einem schmutzigbraunen, mit Flicken besetzten Gewand, von einem Strick zusammengehalten, ganzjährig barfuß unterwegs. Er kümmert sich weiter um Aussätzige und verdingt sich als Arbeiter bei Bauern (wahrscheinlich ungeübt…) dafür erhält er Essen. Wenn er keine Arbeit bekommt, ernährt er sich von zusammengebettelten Speisen, er schläft in Scheunen, Höhlen, Baracken oder unter freiem Himmel.

Nicht verwunderlich, dass er als „Il Pazzo“ – der Narr verschrien wird.

Franziskus aber bleibt bei seiner Lebensweise, er lässt sich – zumindest nach außen hin – nicht umstimmen noch entmutigen.

Rational verstehbar ist der Frontenwechsel des Franziskus nur schwer, ich glaube auch nicht, dass Franziskus jede seiner Handlungen geplant und bis zum Ende durchgedacht hat.

Vieles in seinem Leben geschieht aus dem Herzen heraus, aus seiner Beziehung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.

Ich sehe ihn als radikal freien Menschen, mit vielen Ecken und Kanten, der überzeugt und konsequent aus der für ihn vorgesehenen Lebensplanung aussteigt und in die Lebensreise mit Gott, der ihm in Jesus Christus ganz nahe gekommen ist, einsteigt. Das fasziniert mich!

 

Wie sehen Sie den Ausstieg des Franziskus?

Oder persönlich gefragt: Finden Sie sich im Franziskus, der aus seiner Gesellschaftsstruktur aussteigt?

 

Sr. Teresa Hametner

Assisi (c) Samuele-Gigolo, UnSplash

Franziskanermönch in Assisi (c) Samuele Giglio/Unsplash

Verwendete Literatur:

Reblin, Klaus: Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006.

Berg, Dieter und Leonhard Lehmann, Hg.: Franziskusquellen. Kevelaer: Butzon & Bercker 2009.

Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?

Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!

Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.

[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.

Sr. Teresa Hametner (c) Zopf Photography

Sr. Teresa Hametner, Generalvikarin

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