Franziskus und die Bücher
April 2026
Lesen gehört – neben dem Kochen – zu meinen liebsten Beschäftigungen. Ein Leben ohne Bücher ist für mich nur schwer vorstellbar. Bücher wegzugeben fällt mir nicht leicht.
Ein besonderer Aspekt der Armut des Franziskus ist seine Abneigung bzw. sein Vorbehalt gegenüber Büchern. Das ist für mich befremdlich – und gerade deshalb möchte ich diese Seite des Franziskus genauer betrachten.
Warnung vor Besitz und Begehren
Franziskus warnt nicht nur vor weltlicher „Vergnügungsliteratur“, sondern auch vor geistlicher Literatur. Es gibt einige Büchergeschichten, die von ihm überliefert sind. Eine davon handelt von einem Novizen, der unbedingt ein Psalterium haben wollte.
Von Franziskus erhält er folgende Antwort: „Bruder, wenn du erst ein Psalterium besitzt, wirst du begehrlich werden und auch ein Brevier haben wollen. Wenn du aber ein Brevier hast, wirst du dich auf ein Katheder setzen wie ein hoher Prälat und wirst von oben herab zu einem deiner Brüder sagen: ‚Bruder, bring mir mein Brevier!‘“
Gefahr der Spaltung
Franziskus befürchtet, dass Bücher einen Keil in die Bruderschaft treiben und sie spalten könnten: in Studierte und Einfältige, in Belesene und Nichtbelesene, in Gebildete und Ungebildete.
Für ihn sind Bescheidenheit und Solidarität der Brüder untereinander wichtiger als deren Bildungsniveau. Zeugnis für den Glauben zu geben, ist ihm wichtiger, als theologische Zitate und fromme Geschichten in die Welt zu tragen.
Theologie und geistliche Erfahrung
Franziskus ist zudem sehr skeptisch gegenüber der Theologie. Theologen sind für ihn stets in Gefahr, Gott „in der Hand zu haben“, zu glauben, zu wissen, wie Gott ist und handelt. Für ihn bleibt Gott der Nicht-Fassbare und Nicht-Erklärbare. Seine Predigten entstehen nicht aus Er-lesenem, sondern aus der Meditation. Sie sind emotional und oft spontan. Er schöpft aus seiner intelligentia spiritualis – seiner geistlichen Intelligenz, die dem Herzen sehr nahe ist.
Maß und Haltung im Umgang mit Wissen
So, wie ich es verstehe, lehnt Franziskus nicht Bücher oder Wissenschaft an sich ab, sondern die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird: welchen Stellenwert sie im Leben einnehmen und welche Konsequenzen sich daraus für den einzelnen Bruder und die Bruderschaft ergeben.
Sein Ziel ist, dass Gebildete und Ungebildete einander ohne Hochmut auf der einen und ohne Minderwertigkeitsgefühle auf der anderen Seite auf Augenhöhe begegnen können.
Ein Blick in die Ordensgeschichte
Thomas von Celano, Franziskus’ Biograf, berichtet in der zweiten Lebensbeschreibung:
„Er wollte, dass sein Orden vor allem den Armen und Ungebildeten, nicht nur den Reichen und Gelehrten offenstehe. Denn es gelte kein Ansehen der Person vor Gott, und der Heilige Geist, der eigentliche Generalminister des Ordens, ruhe in gleicher Weise auf Armen und Einfältigen.“
Das Schicksal der ersten Brüder, die zwar mit großer Begeisterung, aber ohne Sprachkenntnisse und ohne theologische Bildung ab 1217 nach Deutschland, Spanien, Frankreich und Marokko auf Missionsreisen gingen und froh sein mussten, wenn sie nur verspottet und nicht misshandelt wurden, führte schließlich zu einem Umdenken in Bezug auf Bildung.
Bildung als Dienst an der Mission
Theologische Bildung und das Erlernen von Sprachen erhielten einen neuen Stellenwert. So treten bereits zu Lebzeiten des Franziskus und bald nach seinem Tod große Gelehrte bei den Minderbrüdern auf – einige sind uns gut bekannt: Antonius von Padua, Bonaventura, Alexander von Hales, Roger Bacon. Allesamt bedeutende Gelehrte, exzellente Wissenschaftler und herausragende Prediger, die Bücher, Bildung und Wissenschaft in den Dienst der Mission stellten.
Die Balance: Wissen und geistliches Leben
Antonius von Padua erhält von Franziskus einen Brief:
„Dem Bruder Antonius, meinem Bischof, wünsche ich, der Bruder Franziskus, Heil! Mir gefällt es, dass du den Brüdern die heilige Theologie nahebringst. Die Hauptsache ist nur, dass du durch dieses Studium nicht den Geist des Gebetes und der Hingabe auslöschst, von dem die Regel spricht.“
Antonius setzt dieses Anliegen Franziskus’ konsequent um. Er verbindet Wissen mit Glauben und Leben.
So wird es wohl auch für uns heute gut sein, wenn wir – in der Spur des heiligen Franziskus – mit Achtsamkeit und Bescheidenheit Wissen erwerben und anwenden.
Sr. Teresa Hametner

Franziskus (c) Sr. Teresa Hametner
Verwendete Literatur:
Reblin, Klaus: Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006.
Franziskusquellen, Hg.: Berg Dieter und Lehmann Leonhard, Butzon& Bercker, 2009
Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?
Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!
Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.
[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.
