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Was meinem Leben Sinn und Richtung gibt – #9: Sr. Hiltrud Bittermann

Die Natur, die Berge und die Beziehung zu Gott und den Menschen spielen eine große Rolle im Leben von Sr. Hiltrud Bittermann, die nach vielen sehr unterschiedlichen Herausforderungen mit 77 Jahren in der Pfarre in Wolfsegg am Hausruck eine neue Heimat gefunden hat.

Was beschäftigt Sie gerade?

Der Umzug hierher hat mich sehr beschäftigt. Seit September hat sich viel getan, jetzt ist – dank vieler Helferinnen und Helfer – alles wohnlich geworden im Pfarrheim. Ich bin angekommen. Morgen*) haben wir Firmung, da bin ich natürlich involviert. Ich fühle mich wohl hier, helfe in der Kirche mit, halte Wortgottesdienste – das mache ich sehr gern. Ich war vorher nie in einer Pfarre – alles ist neu für mich, und es ist genau meins: Hier Leben reinzubringen, alles „fraulich“ zu machen … es hat schon so lange keine Frau mehr hier im Pfarrhof gelebt. Die Leute im Ort sind sehr herzlich und entgegenkommend. Es gibt zurzeit einfach nichts, was nicht passen würde. Das Wohnen ist wunderschön. Ich liebe es, Hausfrau zu sein und bin jeden Tag voll Dankbarkeit für die wunderschöne Aussicht hier.

Sie sind in einem Alter, wo Sie mit Fug und Recht in Pension sein könnten …

… stimmt (lacht). Ich bin so froh, dass ich noch so fit bin und das alles machen kann. Ich war vorher 16 Jahre im Haus Lea, wo wir Frauen vorübergehend Unterkunft und Begleitung geboten haben. Als das Haus Lea 2019 geschlossen wurde, nahm ich mir ein halbes Jahr Auszeit bei den Kreuzschwestern in Gaubing, in Kematen am Innbach.

Was haben Sie dort gemacht?

Einfach nur für mich da sein. Wandern, Spazierengehen, mit den Schwestern beten und essen … und mich geistig besinnen können. Ich habe auch Gitarre gespielt – da hatte ich Zeit! Sie hängt aber seitdem schon wieder an der Wand (lacht) … Ich dachte, wenn ich übe, könnte ich weiterspielen. Aber hier nehme ich mir die Zeit dafür nicht … Ich habe schon ein paarmal begonnen und wieder aufgehört – so stark ist der Wille offensichtlich doch nicht.

Das Wichtigste einer Auszeit ist, zu sich selbst zu finden, das, was schwer war, loszulassen und zu genießen, dass man nichts zu tun hat.

Das könnten Sie ja eigentlich immer haben…

Das geht im Kloster nicht! Die Schwestern in meinem Alter tun alle etwas. Normalerweise leben sie in der Gemeinschaft – ich bin die Ausnahme, ich bin allein hier in der Pfarre. Ich hänge von niemandem ab. Ich bin aber auch gern und regelmäßig in der Gemeinschaft in Gallspach, wo wir einen Konvent haben. Es ist gut und wichtig, wo dazuzugehören. Aber ich bin auch gern allein. Ich danke Gott jeden Tag dafür, dass ich hier in Wolfsegg sein darf. Das Leben in der Pfarre entspricht total unserem Charisma: Mit Christus an der Seite der Menschen.

Sie haben vorher das Haus Lea geleitet – waren also auch an der Seite der Menschen …

… und davor in St. Pius – einer Einrichtung der Caritas für Menschen mit Behinderungen, die ich acht Jahre lang geleitet habe. Ich bin den Menschen dort immer noch sehr verbunden und habe viel von ihnen gelernt: Das unbekümmerte Leben, das Gottvertrauen, die Herzlichkeit … da sein und einander mögen.

Wie kam es, dass Sie in den Orden der Franziskanerinnen eingetreten sind?

Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit in St. Florian, ich komme aus einer armen Arbeiterfamilie – wir waren acht Kinder. Die Familie war nicht unbedingt fromm, aber wir Kinder sind immer gerne in die Kirche gegangen. Das Stift war für mich und meine Freundinnen so etwas wie ein zweites Vaterhaus. Die Kirche war für mich immer überwältigend schön und ich dachte: wenn die Kirche schon so gewaltig und schön ist, wie groß muss dann erst Gott sein! Einmal im Jahr sind wir auf den Pöstlingberg gefahren, mit der Straßenbahn … es war so wunderbar, wir sind ja sonst nie nach Linz gekommen! Dort war eine Gruppe von gehörlosen Kindern mit einer Schwester. Sie haben sich in Gebärdensprache unterhalten. Da hatte ich – mit zwölf Jahren – die ganz klare innere Berufung: Ich werde auch einmal Ordensschwester und werde Kindern helfen!

 Und dann?

Nach der Hauptschule habe ich als Überbrückung die Nähschule der Brucknerschule in Linz besucht. Als ich hingekommen bin, stand eine junge Klosterschwester am Eingang und da wusste ich: So eine Schwester will ich werden! In der Mittagspause habe ich oft der Nähschwester beim Schmücken der Kapelle geholfen … irgendwann hat sie mich gefragt, ob ich nicht dem Orden beitreten will. Ja, das wollte ich! Sie ist mit mir ins Mutterhaus gefahren. Ich bin mit fünfzehneinhalb Jahren in den Orden eingetreten. Das war damals nichts Ungewöhnliches, wir waren viele junge Kandidatinnen – es war eine tolle Zeit!

Sie haben in Ihrem Leben viele Ausbildungen absolviert: Handarbeits-, Hauswirtschafts- und Religionslehrerin, einen theologischen Fernkurs, die Heimleiterausbildung, Sozialmangagement und schließlich noch die Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin…

… Sr. Kunigunde war es immer sehr wichtig, dass wir gute Ausbildungen hatten, um für unsere Aufgaben gewappnet zu sein. Das ist ganz im Sinne von unserem Gründer Sebastian Schwarz. Ich finde das auch sehr wichtig, es gibt Sicherheit! Bevor ich nach Wolfsegg gekommen bin, habe ich noch eine Ausbildung zur Leitung von Wortgottesfeiern für meine Aufgaben in der Pfarre gemacht.

Was gibt Ihnen Kraft?

 Die Natur, die Berge … Früher habe ich Bergbücher geführt, über meine Bergtouren. Jetzt komme ich nicht mehr so hoch rauf, aber ich freue mich über die schöne Aussicht, die ich in meiner neuen Wohnung habe. Und das Spazierengehen im Hausruckwald … ich liebe die Natur, jede Blume, jeden Vogel, jeden Stein! Ich bin sehr dankbar für das alles – ununterbrochen! Ich fühle mich sehr verbunden zu Gott, habe ein Urvertrauen. Sehr gern verkünde ich die Liebe Gottes und sage den Menschen mit Freude die Frohe Botschaft.

Wichtig sind mir auch Meditation und Tanz – damit beschäftige ich mich schon lange. Ich mache dazu auch ein Angebot im Geistlichen Zentrum.

Die Körperlichkeit, das Beten mit Leib und Seele gerät leider etwas in Vergessenheit. Früher haben wir das im Orden noch gemacht: die tiefe Verneigung, das „Ausgespannt-Beten“ … das spricht eine tiefere Seite im Menschen an!

 

*) Das Gespräch mit Susanne Sametinger fand Mitte Juni im Pfarrhof in Wolfsegg statt

“Ich liebe die Natur, jede Blume, jeden Vogel, jeden Stein! Ich bin sehr dankbar für das alles – ununterbrochen!”

Sr. Hiltrud Bittermann

In unserer Serie “Was meinem Leben Sinn und Richtung gibt” kommen Frauen zu Wort, die sich Gedanken über den größeren Kontext ihres Lebens machen.

Was gibt DEINEM Leben Sinn und Richtung? Was beschäftigt Dich? Schreib uns doch gerne eine Mail oder einen Kommentar dazu!

1 Kommentar

Wir freuen uns über weitere Kommentare.

Heike Mühbergerantworten
24. Juli 2021 at 15:29

Liebe Schwester Hiltrud,
Ich wünsche Ihnen alles Gute.Ihr Interview
Hat mir sehr gefallen.Ich bin auch Lehrerin in der Brucknerschule in Linz und fühle mich sehr wohl.
Liebe Grüße
Heike Mühlberger

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