Franziskus und die Frauen

Juni 2026

 

Wieder ein heikles Thema, weil so vielschichtig. Wer das Leben von Franziskus ein bisschen kennt, weiß, dass er mit einigen Frauen sehr verbunden ist: mit seiner Mutter Giovanna, mit Klara di Offreduccio, mit Jacoba de Settesoli, mit Maria, der Mutter Jesu.

Ich nehme für meine Überlegungen Klara di Offreduccio als Beispiel: Es gibt immer wieder Spekulationen, WIE denn die Beziehung zwischen Franziskus und Klara war – mehr als Freundschaft, waren sie verliebt ineinander, gab es sexuelle Kontakte? Klara ist eine Adelige, wächst gut behütet im Wohnturm ihrer Sippe in Assisi auf. Sie bewundert schon als Mädchen Franziskus in seiner Entschiedenheit, sein Leben auf Gott auszurichten. Vielleicht schwärmt sie auch für ihn. Wir wissen es nicht. Sicher ist er ihr großes Vorbild, ihr Berater in geistlichen Fragen. Umgekehrt gilt dasselbe: Wenn für Franziskus und seine Mitbrüder eine schwierige Entscheidung ansteht – beim Schreiben seiner Regel für die Bruderschaft – oder als es darum geht, ob er Einsiedler oder Wanderprediger werden soll, lässt er Klara fragen und ihren Rat einholen.

Franziskus und Klara: Hochachtung

Für mich ist klar: die beiden denken ähnlich, sind auf der gleichen Wellenlänge, sie schätzen sich und vertrauen einander. Eine Liebesbeziehung ist schon wegen der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, aus denen sie stammen, schwer vorstellbar.

Es gibt einige Geschichten und Legenden, die von diesem Vertrauen und der Vertrautheit zwischen ihnen sprechen. Vieles von dem, was geschrieben ist, ist nicht historisch belegbar, hat aber doch einen hohen Wahrheitsgehalt: Franziskus schätzt Klara als Schwester im Glauben, als eine, die sich radikal an Gott binden will, die sich nicht abbringen lässt von ihrer Sehnsucht nach einem Leben mit Gott. So schreibt er für die kleine Gemeinschaft, die sich um Klara sammelt und ab dem Frühjahr 1211 in San Damiano lebt, eine „forma vivendi“ – eine Lebensordnung:

„Da ihr euch auf göttliche Eingebung hin zu Töchtern und Mägden des erhabensten, höchsten Königs, des himmlischen Vaters, gemacht und euch dem Heiligen Geiste verlobt habt, indem ihr das Leben nach der Vollkommenheit des heiligen Evangeliums erwähltet, so will ich, und ich verspreche dies für mich und meine Brüder, für euch genauso wie für diese immer liebevolle Sorge und besondere Aufmerksamkeit hegen.“ (FormKl)

Es ist erstaunlich, mit welcher Hochachtung und Ehrfurcht Franziskus als Mann über die Lebenswahl von Frauen schreibt! Diese „forma vivendi“ verdichtet in genialer Weise die Lebenswahl eigenständiger Frauen. Niemand darf sich zwischen den himmlischen Vater und die Frauen von San Damiano stellen. Damit sie diese Lebensform gut leben können, verspricht Franziskus die Sorge um sie. Also KANN sein Verhältnis zu Klara und den Frauen ihrer Gemeinschaft nicht schlecht oder gar krankhaft gewesen sein.

Die andere Seite …

Das ist die eine Seite des Franziskus. Es gibt auch noch eine andere, für mich befremdliche Seite: Thomas von Celano berichtet in seiner zweiten Lebensbeschreibung des Franziskus das, was er über das Verhältnis des Franziskus zu Frauen weiß, unter der Generalüberschrift: „Gegen Vertraulichkeiten mit Frauen“.

Wir Frauen kommen in diesem Kapitel nicht gut weg. Es ist schwer zu sagen, ob Thomas von Celano hier die Einstellung des Franziskus oder mehr die eigene wiedergibt. Nun gibt es aber auch die Regel von 1221, in der Franziskus selbst schreibt unter der Überschrift: „Vom bösen Blick und vom Umgang mit Frauen, den man meiden soll“: Alle Brüder, wo immer sie seien und wo auch immer sie hingehen mögen, sollen sich hüten vor dem bösen Blick der Frauen und vor dem Umgang mit ihnen… ( ).

Hmm … wahrscheinlich könnte ich diese Aussage jetzt drehen und wenden, damit herauskommt, dass Franziskus es sicher nicht so gemeint hat. Ich tue es aber nicht, weil ich glaube, dass eine Seite des Franziskus wirklich Berührungsängste mit Frauen hatte und er sich und seine Mitbrüder schützen wollte. Deshalb diese Härte im Umgang mit Frauen.

Zum anderen vermute ich, dass er und seine Mitbrüder sehr leicht in ein schlechtes Licht hätten kommen können, wenn sie vertraulichen Umgang mit Frauen gehabt hätten – das hätte die ganze Minderbrüderbewegung in Gefahr gebracht.

Schlussendlich sehe ich Franziskus als einen Mann, der viele positive Erfahrungen mit einzelnen Frauen hatte, sie geschätzt hat, vielleicht auch verehrt hat. Im Umgang mit ihnen war er aber übervorsichtig, vielleicht schüchtern (?) und ungeschickt. Das alles wirkte nach außen sicher ablehnend. Im Herzen war er es nicht – im Herzen war er weich und zärtlich. Davon bin ich überzeugt!

 

Sr. Teresa Hametner

Tafelbild der hl. Klara von Assisi, Kirche Santa Chiara, Assisi, Italien

(c) Adobe Stock tauav

Verwendete Literatur:

Reblin, Klaus: Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006.

Franziskusquellen, Hg.: Berg Dieter und Lehmann Leonhard, Butzon& Bercker, 2009.

Karrer Leo: Legenden und Laude, Manesse Verlag Zürich 1975.

Kuster Niklaus: Franz und Klara von Assisi – eine Doppelbiografie, topos premium TB, 2016.

Kennen Sie den Roman von Nikos Kazantzakis über Franziskus? Der griechische Dichter schrieb 1954, also drei Jahre vor seinem Tod, einen Franziskusroman, den er „Mein Franz von Assisi“ betitelte[1]. Er zeichnet ein wunderschönes, sehr subjektiv gefärbtes Bild von Franziskus. Beim Lesen fragte ich mich: Wie ist eigentlich MEIN Franziskus? Welche Seiten, Eigenschaften, Einstellungen, Charakterzüge dieses Heiligen begleiten mich in meinem Leben, was lässt mich noch immer staunen, wenn ich mich mit dem Leben des Franziskus beschäftige?

Von seinem Leben und Wirken erzählen mehr alte Quellen als von anderen mittelalterlichen Heiligen. Quellen, die der historischen Wirklichkeit nahe und sehr nahe stehen und Quellen, die sehr poetisch und blumig die Geistigkeit der franziskanischen Anfänge wiedergeben. Eine breite Palette!

Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus lade ich Sie ein, mit mir Monat für Monat „Ihren Franziskus“ zu entdecken.

[1] 1954: Nikos Katzanzakis: Ο Φτωχούλης του Θεού O Ftochoulis tou theou.
Mein Franz von Assisi, deutsch von Helmut von den Steinen, Hamburg: Wegner 1956.

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Sr. Teresa Hametner, Generalvikarin

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